10.07.07

Das leere Boot - ein Ehepaar verschwindet


Dänemark, Juni 2007:
Ein altes Ehepaar verschwindet spurlos im Meer





Der Sommer auf den kleinen dänischen Inseln, von den Dänen liebevoll "Südseeinseln" genannt, ist ein Idyll wie aus einem Heimatroman. Da gibt es Windmühlen, alte Fachwerkhäuser mit Reetdächern, bunte Fahrräder, gelbe Sommerblumen und auf einigen Inseln natürlich auch Ferienhäuser in den Dünen. Der örtliche Kaufmann kennt alle seine Kunden beim Namen, und wenn es regnet, dann verkriechen sich die Einheimischen vor dem Fernseher, während die Touristen im gelben Ostseenerz am Strand wandern und Muscheln sammeln.

Hier kann man die Seele baumeln lassen, wie es so schön heißt. Oder auch sein Leben verlieren.

Wie das dänische Ehepaar Ruth (73) und Finn (70) Teisen, das eigentlich von einen geruhsamen Rentnerdasein auf seiner Heimatinsel Strynø geträumt hatte. Eigentlich stand diesem Traum auch nichts im Wege, bis die beiden dann Anfang Juni 2007 den schrecklichen Fehler machten, und mit ihrem 24 Meter langen Motorboot zur größerern Nachbar-Insel Ærø fuhren.

Ruth und Finn galten trotz ihres Insel-Lebens als nicht besonders seetüchtig. Deswegen fuhren sie mit ihrem Boot immer so schnell wie möglich einen Hafen an, und deswegen wollten sie das Boot nun auch verkaufen. Auf Ærø wollten sie einen Kâufer treffen.

Das Ehepaar gehörte zu den Insel-VIPs. Man kannte sie und ihre Gewohnheiten gut, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihr Sohn Ketil Teisen ein bekanntes Gesicht im dänischen Fernsehen ist.

Es fiel deshalb nach einiger Zeit auf, dass das Boot tagelang draußen an einer Boje verankert liegen blieb. Für zwei ältere Leute, die lieber das Festland unter den Füßen spürten und die deshalb lieber am Kai ankerten, ein ungewöhnliches Verhalten. Auch die Familie hörte nichts mehr von Ruth und Finn.

Mitte Juni wurde endlich die Polizei verständigt. Sie fand das Boot leer, Blutspuren zeugten davon, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Die dänische Polizei stand vor dem Phänomen: "Doppelmord ohne Leichen".

Es begann eine große Suchaktion am und über dem Meer. Boote und Hubschrauber der Küstenwache beteiligten sich. Zeitgleich wurde ein 25-Jähriger von der dänischen Polizei im ganzen Land gesucht. Er wohnt auf der Insel, und Zeugen hatten ihn in einem gestohlenen Wagen vom Hafen wegfahren sehen.

Nach nur einem Tag Fahndung wurde der junge Mann verhaftet.

Die Wahrheit über das Verschwinden des alten Paares bestürzte Dänemark. Der 25-Jährige hatte sich als interessierter Käufer vorgestellt und war mit dem Paar aufs Meer gefahren. Was Ruth und Finn nicht wussten: Der junge Mann hatte überhaupt kein Geld. Er wollte das Boot stehlen und mit dem Verkauf des Bootes seine Schulden bezahlen.

Sein Plan war simpel und brutal. Auf dem offenen Meer stach er mit seinem Taschenmesser auf die beiden ein, dann warf er sie über Bord. Wahrscheinlich lebten die beiden noch, als sie ins Wasser geworfen wurden.

Vor dem Haftrichter gestand der 25-Jährige seine Tat sofort, allerdings beschrieb er sie als "Unfall". Auf dem Meer habe er bereut, dass er das Boot eigentlich stehlen wollte. Er versuchte deshalb, Finn zu erklären, dass er gar kein Käufer sei und gar kein Geld habe und was er eigentlich vorgehabt hatte. Finn soll wütend geworden sein und den Möchtegernräuber als "Rotznase" beschimpft haben. Es kam zu einer Rauferei, bei der der 25-Jährige dann sein Messer zog.

Als er zurück an Land war, verdrängte er seine Tat. Das gestohlene Boot rührte er nicht mehr an, und erst als er Fotos von dem ermordeten Ehepaar in den Nachrichten sah, dämmerte ihm, was passiert war.

Kaltblütiger Doppelmord oder Unfall? Ein Gericht wird später darüber entscheiden.

Die Leichen könnten vielleicht Aufschluss darüber geben, aber bisher wurden sie nicht gefunden.

Die Kinder und Enkelkinder des ermordeten Ehepaares fuhren mit einem Boot aufs Meer und nahmen dort Abschied. „Wir sind sehr stolz darauf, dass sie bis zuletzt gekämpft haben“, erklärte Ketil Teisen.

...

Kurz vor Weihnachten 2007 wurden die Leichen gefunden.

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