14.08.07

Der weinerliche Giftmischer

Der Prozess gegen Terje Wiik, siehe "... wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt"

Terje Wiik, der seine Ex-Freundin und Nachbarin Inger Lise Bakken langsam mit Thallium vergiftet hatte, war bereits festgenommen worden, als Inger noch lebte. Die Ärzte kämpften um ihr Leben, aber das Gift zerstörte ein Organ nach dem anderen. Aus einer Anklage wegen schwerer Körperverletzung wurde am Ende eine Anklage wegen Mord.

Chefarzt Dr. Harald Hovdal schilderte später vor Gericht, wie schmerzhaft der langsame Tod von Inger Lise Bakken gewesen war. „Sie kam am 24. Januar ins Krankenhaus. Sie war ein stark leidender Mensch, ihre Schmerzen erreichten das höchstmögliche Niveau. Sie hatte extreme Schmerzen und sehr viel Angst. Wir wussten nicht, was ihr fehlte. Erst dachten wir an eine Nervenentzündung, aber wir Ärzte haben natürlich auch andere Krankheiten diskutiert. Wir dachten an eine Bleivergiftung, aber an Thallium dachte keiner von uns. Erst als einige Tage später die Analysen ihres Blutes vorlagen, wussten wir Bescheid. Wir begannen sofort mit der Behandlung. Als Gegengift verwendet man „Berlinerblau“. Wenn wir auch nur geahnt hätten, mit was Inger Lise Bakken vergiftet worden ist, hätten wir viel früher mit dieser Behandlung begonnen! Ob sie dann überlebt hätte, ist allerdings nicht zu sagen. Wir werden es nie wissen. Ein Organ nach dem anderen versagte in ihren Körper, sie wurde an das Beatmungsgerät angeschlossen. Aber am Ende war sie hirntot. Am 17. Februar um 23.33 Uhr stoppten wir die Maschinen und Inger Lise Bakken starb.“

Als der Arzt diese erschütternde Aussage machte, war den Norwegern schon längst klar, dass auf der Anklagebank kein Monster im üblichen Sinne saß. Die Norweger hatten sich vor dem Prozess einen eiskalten gefühllosen Killer vorgestellt. Was sie nun sahen, war ein sich elegant formulierender, hoch gebildeter Mann, der sichtbar litt und wirkte, als sei er kurz vor dem Zusammenbruch. Allerdings nicht wegen seiner Tat, sondern wegen der ungerechten Justiz! Während er den Leiden von Inger Lise Bakken kaum Beachtung schenkte, bedauerte er immer wieder sein eigenes hartes Schicksal.

Denn – und das sagte er immer wieder – er wollte Inger Lise angeblich überhaupt nicht töten!

Der Prozess gegen Terje Wiik (damals 51) begann am 17. Januar 2000, fast ein Jahr nach Inger Lises Tod. Terje Wiik hatte bereits eine Woche nach seiner Verhaftung gestanden, Thallium gekauft und in Inger Lises Getränke gemischt zu haben. Aber von Anfang an hielt er auch daran fest, dass er seine Ex „nur“ ärgern wollte. An einen Mord habe er nie gedacht.

Als er im Gerichtssaal von Trondheim seine Aussage machte, begann er mit einer umfangreichen Entschuldigung. „Ich bedauere gegenüber Ingers Familie alles, was geschehen ist. Aber ich war sehr verzweifelt …“

Obwohl er Ingers Tod zwar „bedauerte“, wies er eine eigentliche Schuld weit von sich. Er habe nur gewollt, dass Inger Lise ihre Haare verliert und damit für andere Männer unattraktiv wird.

Als er gefragt wurde, warum er dann so große Mengen Gift gekauft hatte, sprach er wieder nur von sich und seiner „Verzweiflung“. Der Richter musste die Frage fünf Mal wiederholen, bis eine Antwort kam, in der Inger Lise einigermaßen erwähnt wurde. „Ich lebte in einer Hölle. Sie war so eifersüchtig. Und dann wollte sie ohne mich verreisen. Sie wollte mit ihrer Freundin in den Süden fliegen, da dachte ich daran, dass sie ihre Haare verlieren sollte …“

Besonders erschütternd war seine Reaktion, als er gefragt wurde, wie es war, als er Inger Lise in ihrer Wohnung vor Schmerzen weinen hörte. Ob er ihre Krankheit nicht mit dem Gift in Verbindung gebracht hätte? Terje Wiik tat so, als wundere ihn diese Frage über alle Maßen: „Ich habe ihre Schmerzen mit dem Thallium nicht in Verbindung gebrach. Ich hatte keine Ahnung, dass ihre Krankheit etwas mit dem Gift zu tun hatte …“

Weitere verblüffende Aussagen:

„Ich habe vorher Selbstversuche gemacht und nichts gespürt.“

„Ich habe gelesen, dass Nikotin zehn Mal gefährlicher ist als Thallium.“

Die Staatsanwaltschaft konnte jedoch ohne Probleme alle Beweise vorlegen, die sich ein Ankläger nur wünschen kann. Terje Wiik arbeitete als Ingenieur in einem Forschungslabor und kannte sich schon rein beruflich auch sehr gut mit Chemie aus. Er hatte sich außerdem immer wieder per Internet über Thallium informiert. Und er hatte Inger Lise Bakken die 40-fache tödliche Menge eingeflösst!

Während des Prozesses gab er ein Interview, in dem er behauptete, dass er im Prozess um sein Leben kämpfe. Überhaupt war das Leben in der U-Haft eine Qual für den armen Mann: „Es ist schrecklich im Gefängnis, ich habe schon zugenommen, weil ich nur einmal in der Woche joggen kann. Ich musste sogar die Hose, die ich anhabe, ausleihen.“

Sein Selbstmitleid und seine zahlreichen Unschulds-Versicherungen waren wirkungslos. Er erhielt die in Norwegen höchstmögliche Strafe von 21 Jahren Gefängnis und zehn Jahren Sicherheitsverwahrung.

Terje Wiik sprach anschließend von Justizmord und legte umgehend Berufung ein.

In einem weiteren Interview versuchte er erneut, Stimmung für sich zu machen: „Ich bin kein Monster und kein Ungeheuer. Ich bin Schuld an Inger Lises Tod, aber ich wollte sie nicht töten. Die Psychiater haben gesagt, dass ich wieder morden könnte. Ich dachte, sie wollten mir helfen. Aber sie haben mich als egoistisch bezeichnet … wie sollte ich hier im Gefängnis eine neue Frau kennen lernen? Ich bin ein alter Mann, ich suche keine neue Frau. Nur meine Kinder und Enkel sind wichtig für mich … Ich habe Angst, im Gefängnis zu sterben. Wenn ich diese lange Haftstrafe überhaupt überlebe, dann bekomme ich nicht viel Zeit in der Freiheit. Ich finde, ich habe eine zweite Chance hier im Leben verdient.“

Terje Wiik bekam teilweise Recht. Bei einem Berufungsverfahren wurde die Sicherheitsverwahrung aus dem Urteil gelöscht, er muss jetzt „nur“ noch 21 Jahre hinter Gittern sitzen. Die Richter kamen zu dem Schluss, dass Terje Wiik nach der Haftstrafe 71 Jahre alt ist und dann nicht mehr gefährlich sein kann.

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