20.08.07

Die Suche nach Roujans Mörder

Die Suche nach dem Mörder

Anfangs standen die Polizisten und die Kripoleute unter einem regelrechten Schock. Roujan war einen schrecklichen Tod gestorben. Der Täter hatte das kleine, nur knapp 20 Kilo wiegende Mädchen, vergewaltigt und mit verschiedenen Werkzeugen schwer misshandelt.

Trotz dieses Schockes, der erst die Polizei und schließlich das ganze Stadtviertel erfasste, war man auch optimistisch. Wohnten hier nicht Tausende von Menschen? War das Verbrechen nicht quasi am hellichten Tage geschehen? Die Häuser und die Hinterhöfe konnten aus zahlreichen Fenstern eingesehen werden. Es war - da war man sich sicher - nur eine Frage der Zeit, bis man dieses Monster gefangen hatte.

Als ein Mann aus dem Fenster zum Hinterhof hinunterblickte und einen Plastiksack sah, aus dem Kinderbeine herausblickten, war die Polizei innerhalb weniger Minuten am Fundort. Der Sack war voll mit Blut, die Schuhe des Mädchens lagen im Sack. Roujan war vergewaltigt worden, der Tätet hatte ihr ca. zehn Mal auf den Kopf geschlagen. Ihr Schädel war zerschmettert. Zehn große Wunden klafften in ihrem Kopf. Wahrscheinlich hatte er dazu einen Hammer benutzt. Anschließend hatte er mehrere Male auf sie eingestochen. Mit was, konnte die Polizei auch nach jahrelangen Nachforschungen nicht sicher sagen. Vielleicht war es eine Schere, vielleicht ein Schraubenzieher, vielleicht etwas ganz anderes.

Eine Blutspur zeigte deutlich, was wo passiert war. Der Täter hatte das Mädchen 70 Meter von seinem Elternhaus entfernt in ein Treppenhaus in der Rådmansgade gezogen und dort hinter der Treppe vergewaltigt und ermordet. Dann hatte er es in einen großen Abfallsack gesteckt und den Sack in den Hinterhof getragen. Dort warf er ihn in den Lichtschacht vor einem Kellerfenster. Anschließend verschwand er.

Ganz Kopenhagen fühlte mit Roujans Familie. Spontan wurden 13.000 Euro Belohung ausgeschrieben, zu einem Trauergottesdienst in der lokalen Kirche versammelten sich Hunderte von Menschen. Vor dem Aufgang in der Mimersgade, in dem Roujan gelebt hatte, wurden Blumen, Kerzen und Spielzeug abgelegt. Frauen, Männer, Kinder, die Roujan nie gesehen hatten, standen vor diesem Blumenmeer und weinten mit der Mutter und dem Vater. Einwanderer und Kopenhagener, Junge und Alte, Kinder und Erwachsene trauerten gemeinsam. So unfassbar war das Grauen, das Roujan erlebt hatte und das die Polizei nur langsam und nach und nach veröffentlichte.

Die Kripo bildete eine SOKO, in der zeitweise 35 Kripobeamte saßen.

Innerhalb der ersten Monate nach Roujans Tod wurden 5000 Anwohner und mutmaßliche Zeugen befragt.

Die Polizei ging von Anfang an davon aus, dass sich der Mörder am Tatort in der Rådmansgade gut ausgekannt haben musste. In diesem Aufgang wohnten viele junge Leute, man zog häufig ein und aus. Deswegen ging die Polizei in den Unterlagen des Einwohnermeldeamtes vier Jahre zurück und befragte alle, die hier einmal gewohnt hatten. Sie befragte auch die Freunde und die Bekannten der Leute, die hier wohnten oder mal gewohnt hatten. Briefträger, Müllmänner, Stromableser … jeder, der in den Jahren vor dem Mord irgendwann einmal dieses Haus betreten hatte, bekam einen Besuch von der Polizei.

Wie zu erwarten war, gab es für die Stunde der Tat jede Menge Augenzeugen. Aber genau zwischen 18.50 und 19 Uhr – in den zehn Minuten, in denen Roujan ermordet wurde – hatte kein einziger der vielen Anwohner aus dem Fenster geblickt! Keiner war auf die Straße gegangen, keiner war um diese Uhrzeit von der Arbeit oder vom Einkauf heimgekommen.

Die Polizei fragte und fragte und fragte und fand keinen einzigen, der in dieser Zeit irgendetwas gesehen hatte.

Der einzige Bericht kam von der jungen Studentin, die gegenüber vom Tatort aus der Haustür geblickt und gesehen hatte, wie ein Mann das Mädchen in den Hauseingang zog, es umwarf und nach ihr trat. Diese wichtige Zeugin meldete sich erst eine Woche nach dem Mord bei der Polizei. Sie behauptete, keine Zeitung zu lesen und von dem Rummel nichts mitbekommen zu haben. Man nahm ihr diese Begründung ab, wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie sich dafür geschämt hat, damals nicht eingegriffen zu haben.

Nun konnte sie mit ihrer Personenbeschreibung zumindest zur Tätersuche beitragen. Der Mann war wahrscheinlich Däne, er war blond, hatte halblange Haare, er war groß und dünn und sah aus wie ein Alkoholiker. Er war noch jung, hatte aber tiefe Furchen im Gesicht. Und er hatte ein Hemd getragen, dass ihm viel zu groß war.

Diese deutliche Täterbeschreibung war extrem wichtig, denn die Nachforschungen und vorallem die Spurensicherung stießen auf unerwartete Schwierigkeiten. Der Täter hatte mit Sicherheit jede Menge Spuren hinterlassen, aber in den eineinhalb Stunden nach dem Mord hatte es ununterbrochen geregnet. Offenbar war alles weggespült worden.

Die Kopenhagener Kripo wandte sich deshalb an Scotland Yard und erhoffte sich dort Hilfe, aber auch diese Profis fanden nichts.

Die Hauptzeugin hatte aber außer dem Täter auch noch ein Pärchen mit Kinderwagen und einem kleinen weißen Hund gesehen. Dieses Paar hatte den Täter aus nächster Nähe beobachtet! Die Polizei suchte überall nach diesem Paar, Mütter- und Spielgruppen im gesamten Stadtteil wurden befragt. Immer wieder forderte die Polizei in der Presse das Paar dazu auf, sich zu melden. Aber es meldete sich nie. Auch als es in einer TV-Sendung ein Jahr später noch einen großen Aufruf gab – dieses Paar blieb verschwunden!


Kurt Jensen, Leiter des Morddezernats, musste feststellen: "Der Mörder hat unwahrscheinlich viel Glück gehabt. Viele Menschen hätten ihn sehen müssen, aber keiner hat ihn bemerkt. Es hätte Spuren geben müssen, aber alles wurde weggespült.

Der Mord an Roujan wurde zum Albtraum der Kopenhagener Kripo. Es gab Tausende von Hinweisen und Spuren, und alle verliefen im Sand.

Und was seit dem geschah

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