27.08.07

Roujan - was sonst noch geschah

1. Der Mord an der kleinen Roujan
2. Die Ermittlungen



Nach dem Mord an Roujan –
Was noch geschah


Spuren und Verdächtige:

Der Regen hatte alle Spuren an Roujans Leiche weggespült. Aber es gab einen großen Händeabdruck an einem Fenster in dem Treppenhaus, in dem Roujan ermordet wurde. Der Händeabdruck wurde mit den Händen aller Personen verglichen, die das Haus betreten hatten. Der Handabdruck ist inzwischen elektronisch festgehalten und wird automatisch mit allen neuen Daten verglichen. Man hofft, dass man eines Tages die Person findet, zu der er gehört.
Im Jahr 2000 – fünf Jahre nach dem Mord – gab es im dänischen Fernsehen eine Rekonstruktion des Mordes. Es gab 400 Hinweise – aber keinen Durchbruch
2002 überfiel im gleichen Stadtteil ein 39-Jähriger ein thailändisches Mädchen mit einer Schere. Er vergewaltigte das Mädchen nicht, aber er schnitt ihr mit der Schere in die Zunge. In den Tagen danach erfuhr die Öffentlichkeit, dass der 39-Jährige bereits mehrere Male im Visier der Polizei war, weil sie ihn verdächtigte, Roujan ermordet zu haben. Die Polizei konnte ihm jedoch nie etwas nachweisen. Der Verdächtige war drogensüchtig, außerdem hörte er Stimmen, und er war so labil, dass er nach dem Überfall mit der Schere in die Psychiatrie kam. Ermittlungsleiter Kurt Jensen damals: „Wir haben hier einen Mann, der ein Verbrechen beging, das an den Mord an Roujan erinnert. Aber wir können nichts beweisen …“

Der Ermittler:

Kurt Jensen, Leiter des Kopenhagener Morddezernats, war ein zwei Meter großer Mann, der schon vieles gesehen und erlebt hatte. Aber der Mord an der kleinen, nur 23 Kilo leichten, Roujan, brachte den routinierten Kripo-Mann fast zum Weinen. Die Aufklärungsquote seiner Abteilung lag bei 96 Prozent, und es ließ ihm keine Ruhe, dass gerade der schreckliche Mord an Roujan zu den wenigen ungelösten Mordfällen gehörte. 2003 ging Kurt Jensen in Rente, 2006 starb er. Sogar im Nachruf auf ihn wurde Roujan erwähnt. „Die Tatsache, dass dieser Mord nicht aufgeklärt wurde, belastete ihn besonders“, hieß es.


Die Eltern:


Ein Jahr nach Roujans Tod hielt die Familie noch zusammen. Man deckte noch jeden Tag den Tisch für sie mit, und ihre Mutter erzählte: „Roujan war so schön wie ein kleiner Vogel“. Die Familie hatte wieder eine Tochter bekommen, die sie Roujan getauft hatte. Der Name habe in der Familie irgendwie gefehlt.
Roujans älterer Bruder überwand den Mord an seiner Schwester nicht, er hatte große psychische Probleme und Schwierigkeiten in der Schule.
Sechs Jahre nach dem Mord klagte die Mutter gegen eine Zeitung, weil sie ein Foto von Roujan veröffentlicht hatte. Sie wolle das nicht mehr. Das Gericht gab der Zeitung zwar Recht – in einem ungeklärten Mordfall dürfe man Namen und Fotos veröffentlichen – aber die dänische Presse hat seitdem keine Fotos mehr gezeigt.
Acht Jahre nach dem Mord sprach der Vater von Roujan mit der dänischen Zeitung „B.T.“. „Mein Leben ist seit dem zerstört … Ich denke jeden Tag daran, ich kann es nicht vergessen. Früher – das ist wie ein alter Film, der vor meinem inneren Auge abläuft. Ich lebe ein neues Leben, aber ich denke ständig an das alte.“
Er hat sich von Roujans Mutter scheiden lassen, erneut geheiratet und noch einen Sohn bekommen. „Aber ein Trost ist das nicht.“
Roujans Vater trifft sich oft mit seinem ältesten Sohn, der den Tod an seiner kleinen Schwester ebenfalls nie überwunden hat. „Sein Leben ist genauso zerstört, wie meines.“


Die Öffentlichkeit:


In den Wochen nach dem Mord hatten viele Dänen Angst vor einem Wiederholungstäter. Außerdem war der Gedanke, dass ein Kind bei Tageslicht mitten in der Stadt dermaßen grausam ermordet werden konnte, für die Kopenhagener einfach schrecklich. Aber Monate und Jahre später hörte man in Einwandererkreisen immer wieder mal den Vorwurf, dass der Mord nie geklärt wurde, weil das Kind kein dänisches Kind gewesen war. Die Polizei hätte intensiver daran gearbeitet, wenn es ein dänisches Mädchen gewesen wäre. Die Vorwürfe verstummten aber immer sehr schnell, weil man der Polizei wirklich keine konkreten Vorwürfe machen konnte. Im Gegenteil. Kurt Jensen, dem Ermittlungsleiter, war der Kummer über die fehlenden Ergebnisse deutlich anzusehen.

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