10.09.07

Der schwedische Kannibale

Aus einem verstörten und einsamen Kind wurde ein Mann, der mit
seinen eigenen Dämonen kämpfen musste.
Dann tötete er mit über 60 Messerstichen seine Pflegeschwester, trank ihr Blut und aß kleine Stückchen von ihrem Fleisch.
Ein völlig Unschuldiger wurde verhaftet und von der Polizei als
bluttrinkender Kannibale behandelt.
Erst ein zweiter Mord brachte Licht ins Dunkel.
Die schwedische Presse bezeichnete ihn von Anfang an als "Kannibalen", obwohl das Trinken des Blutes für ihn wichtiger war, als das Essen des Fleisches. Mit dem Begriff "Vampir" würde man das Wesen von Lennart Persson wahrscheinlich besser beschreiben. Aber da er als "Kannibale" in die schwedische Kriminalgeschichte eingegangen ist,
habe ich mich an diesen Begriff gehalten.

Lennart war von Anfang an anders als alle anderen. Er wurde mit einer leichten Behinderung am Bein geboren und verbrachte große Teile seiner Kindheit im Krankenhaus, da er immer wieder operiert werden musste. Er war ein Außenseiter. Die anderen Kinder hatten keine Lust, mit ihm zu spielen. Weder in der Nachbarschaft oder in der Schule. Allerdings lag das wahrscheinlich weniger an seinem Bein, als an seiner Familie.

Seine Eltern liebten Katzen über alles, zeitweise lebten über 70 Tiere auf dem Grundstück. Die Folgen blieben nicht aus. Lennart stank nach Katzenclo! Manchmal so sehr, dass die Lehrer beim Jugendamt klagten! Selbst ein Taxifahrer, der die Familie einmal transportiert hatte, meldete das "stinkende Kind" beim Jugendamt.

Umso erstaunlicher ist es, dass das Jugendamt nicht nur nicht eingriff, sondern Lennarts Eltern sogar Pflegekinder zuwies.

Immer wieder lebten fremde Kinder bei der Familie Persson. Diese Kinder waren die einzigen, mit denen Lennart Kontakt hatte.

Als er älter wurde, schien sich sein Leben dennoch zu normalisieren. Lennart träumte vom Zirkus und besuchte in Gävle sogar eine Zirkusschule. Dann zog er bei seinen Eltern aus und richtete sich in der Scheune eine kleine Wohnung ein.

Keiner ahnte, dass die Lennart schon damals Stimmen im Kopf hatte, die langsam zu Monster heranwuchsen - Monster, die ihre Opfer und vor allem Blut und Fleisch forderten.

In der Nacht zum 30. März 2005 war es besonders schlimm.

Lennart konnte nicht schlafen, und wenn er endlich einnickte, dann träumte er von roher Gewalt. „Als ich aufwachte, war ich voller Aggressionen. In meinem Kopf war nur Blut und Gewalt“, berichtete er später. Er ekelte sich vor sich selbst, wie schon so oft zuvor. Er hatte zwar in harter Arbeit gelernt, diese Stimmen zu ignorieren.

Aber an diesem Tag bekam er sie einfach nicht in den Griff.

Es ist noch früh am Morgen, als er sich in einen Bus setzt und nach Sätra, einem Vorort von Gävle, fährt. Er will Anna Norell (19) besuchen. Er und Anna sind in der gleichen Pflegefamilie aufgewachsen. Während er dort noch in einer Scheune lebt, hat Anna den Sprung in die Normalität geschafft. Sie ist mit Tommie K., einem jungen Mann voller Zukunftspläne, zusammen gezogen und seit wenigen Wochen Mutter. In der Nacht zum 30. März haben sie ihr Baby Verwandten gegeben. Anna und Tommie wollen eine Nacht ausschlafen.

Als Lennart an der Tür klingelt ist es noch so früh am Tag, dass Anna noch im Nachthemd ist. Sie öffnet und lädt ihn zu einer Tasse Kaffee in der Küche ein. Nach ein paar Begrüßungssätzen verliert Lennart die Kontrolle endgültig. Er zieht sein Messer, das er immer bei sich trägt, und sticht auf Anna ein. Sie schreit und bettelt um ihr Leben. "Warum tust du das? Ich bin doch deine Schwester!" Tommie hört im Schlafzimmer die Schreie. Er läuft in die Küche, sieht das Massaker – und läuft davon! „Er war feig“, sagt Lennart später beim Prozess. „Er hätte Anna retten müssen. Auf der anderen Seite war es auch richtig. Wenn er geblieben wäre, hätte ich ihn auch getötet.“

Anna brach nach über 60 Messerstichen tot zusammen. Lennart trank das Blut seiner Schwester, und angeblich aß er auch einige Stückchen von ihrem Fleisch.

In diesem Moment begriff er, was er getan hatte. Er drückte Anna, schüttelte sie, wollte sie wieder lebendig haben. Er verstand - und trotzdem gab das Monster in ihm keine Ruhe. Lennart ließ Anna liegen und machte sich auf die Suche nach ihrem Baby. „Ich wollte es töten und essen“, gestand er später.

Er fand es nicht und machte sich blutüberströmt auf den Heimweg.

Was nun passierte, ist kaum zu glauben. Lennart nahm den nächsten Bus, und keiner wunderte sich und keiner fragte. Unterwegs hörte er die Sirenen. Tommie hatte nach seiner Flucht die Polizei alarmiert. Lennart im Prozess: „Als ich umsteigen musste, ging ich in eine öffentliche Bibliothek und machte mich dort etwas sauber. Ich wusch mir die Hände und wunderte mich, dass mich niemand angesprochen hatte. Dann fuhr ich nach Hause. In der ersten Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich saß da und wartete auf die Polizei. Ich dachte, dass sie jeden Moment kommen und mich verhaften wird.“

Aber sie kam nicht.

Stattdessen wurde Tommie K. verhaftet. Der junge Mann erlebte nun seinen eigenen Albtraum. Er hatte seine Freundin auf grausame Weise verloren, und nun nahm man ihm auch sein Kind und sperrte ihn ein. Kripo-Beamte beschuldigten ihn, Anna getötet und teilweise sogar gegessen zu haben. Der Albtraum sollte erst nach vielen Monaten beendet sein!

Lennart saß währenddessen daheim in seiner Scheune. Den 30. März 2005 hatte er in seinem Kalender rot umrandet. Genau wie den 30. März 2006. An diesem Tag wollte er zum Friedhof gehen und Anna gedenken!

Fortsetzung hier







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