25.09.07

Die Flachmeyer-Tragödie


Jan Flachmeyer, Ekstra Bladet. Er ging nach dem Mord einige Male an die Presse


Jan und Hanne Lene Flachmeyer hatten das Paradies auf Erden. Außerhalb des winzigen norddänischen Dorfes Suldrup besaß das Paar einen restaurierten Bauernhof inmitten des traumhaft schönen „Himmerlands“. Nachbarn gibt es dort nicht, nur Natur, und das Meer ist von hier aus auch immer schnell erreichbar. Es ist eine Gegend, in der andere Leute mit Begeisterung Urlaub machen, ein Idyll, wie aus einem Märchen von Hans Christian Andersen.

Aber hinter den Mauern des alten gepflegten Hauses spielte sich über Monate eine unfassbare zwischenmenschliche Tragödie ab. Als Hanne Lene Flachmeyer am 29. Juli 2006 in ihrem Sofa, mit einem Knebel im Mund und mit Unmengen Drogen im Blut an einer durchtrennten Lungenarterie starb, war sie gerade einmal 60 Jahre alt. Jan Flachmeyer – ein Arzt – war 61 Jahre alt. Die Tragödie Flachmeyer hatte in jener Nacht ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Begonnen hatte sie irgendwann in den 70er Jahren. Jan Flachmeyer war dabei, sich in Dänemark eine Karriere aufzubauen. Hanne Lene war Arzthelferin, sie muss schwierige Zeiten erlebt haben, denn die elegante Arztfrau rutschte in eine Morphiumsucht ab. 1976 wurde sie angeklagt, Kollegen ihres Mannes bestohlen zu haben. Sie soll ihnen Morphiumampullen aus der Arzttasche genommen haben. Hanne Lene wurde zwar freigesprochen, aber das Ehepaar hatte seinen guten Ruf verloren!

Die beiden zogen nach Schweden, bauten sich dort eine Karriere und eine Familie auf. Jan und Helle wurden Eltern von fünf Kindern, Helle ließ sich später zur EDV-Fachkraft umschulen.

Erst 2005 kehrte das Paar in ihr Haus in Himmerland zurück. Jan Flachmeyer hatte es in Schweden bis zum Oberarzt gebracht, aber sein Ruf war in Schweden mit der Zeit immer schlechter geworden. Zeitungen berichten, dass Kollegen und Patienten ihn als arrogant und cholerisch schildern. Einige Male soll er seine Frau auf der Straße angegriffen haben.

Die Ehe zwischen Jan und Hanne hatte sich in Schweden offenbar zu einem qualvollen Nebeneinander entwickelt. Angeblich sollen beide seit Jahren viel zu viel getrunken haben. Sicher ist, dass Jan Flachmeyer zahlreiche Rezepte für seine Frau ausstellte. Sie hatte jederzeit Beruhigungspillen und Morphiumpräperate zur Verfügung. Der Gerichtsmediziner fand neben Alkohol auch fünf verschiedene Medikamente in ihrem Blut, darunter auch Psychopharmaka, die eigentlich nur unter Aufsicht verabreicht werden darf.

Hanne Lene wollte ihrem Eheelend entrinnen und sich scheiden lassen. Immer wieder soll sie davon gesprochen haben, und immer wieder lehnte ihr Mann diesen Wunsch ab. Angeblich wollte er sein Vermögen nicht teilen, angeblich versuchte er, sie zur Entgiftung in ein Krankenhaus einzuweisen. Warum er es nie tat, ist nicht bekannt. Sie hätte einfach ihren Koffer packen und gehen können, aber es ist anzunehmen, dass sie als Süchtige viel zu abhängig von ihrem Mann und seinem Rezeptblock war.

Wenige Kilometer vom Ehepaar Flachmeyer entfernt hatte sich Tochter Louise L. (38) nieder gelassen. Sie ist Lehrerin und Mutter von zwei kleinen Töchtern. Auch sie hatte früher Alkoholprobleme, aber sie war seit langem dabei, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Sie trank fast nie mehr, um sich nicht selbst zu gefährden und war deswegen auch unter ärztlicher Kontrolle.

Anfang 2006 muss die Situation der drei Flachmeyers immer schwieriger geworden sein. Im Januar gab Hanne Lene einem Polizisten in Aalborg einen Brief, in dem sie schrieb, dass sie Angst vor ihrer eigenen Tochter habe. Jan Flachmeyer erklärte später beim Prozess: „Wir sagten zu dem Beamten, dass der Brief nur verwendet werden soll, wenn uns etwas zustößt.“

Hanne Lene soll Angst vor ihrer Tochter bekommen haben, als sie Louise dabei beobachtete, wie sie mit einem Benzinkanister über den Hof ging. Einmal soll ein TV-Gerät gebrannt haben, auch hier war sich die Mutter sicher, dass sie Tochter daran schuld war.

Aber was ist die Wahrheit?

Litt die Mutter nach ihrem langjährigen Missbrauch unter Paranoia?
Wollte Louise wirklich ihre Mutter und gegebenenfalls auch ihren Vater ermorden?



Der Zeitablauf in der Mordnacht:

Am 29. Juli 2006 rief Jan Flachmeyer um 3.10 Uhr bei der Polizei an. „Meine Frau wurde erstochen, sie ist tot.“

Um 3.31 Uhr sieht eine Ambulanz Louise L. auf der Landstraße. Sie wohnt in Suldrup und ist zu Fuß auf dem Weg nach Hause. Ihre Kleidung ist blutig. Die Ambulanz-Fahrer informieren die Polizei.

Um 3.41 Uhr wird die Tochter in ihrer Wohnung verhaftet. Sie hatte sich umgezogen, aber sie gibt der Polizei die blut verschmierte Kleidung.

Um 8.47 Uhr wird Jan Flachmeyer verhaftet. Auch er hatte seine Kleidung nach dem Tod seiner Frau gewechselt, allerdings kann die Polizei die alten Kleidungsstücke von der Nacht nicht finden.

Um 13 Uhr werden beide dem Haftrichter vorgeführt. Gegen die Tochter wird Anklage erhoben, der Vater wird nur für drei Tage unter Verdacht zurückgehalten, dann frei gelassen.


Fakten, die später bekannt wurden:

Hanne Lene starb zwischen 2 und 3 Uhr, Jan Flachmeyer hat also nicht sofort die Polizei angerufen. Der Täter oder die Täterin hatte Hanne Lene Flachmeyer vor dem Mord ein Tuch als Knebel in den Mund gesteckt. Weder die Tochter noch der Vater haben ihn entfernt. Neben der Leiche war eine Flasche Bier, in dem eine ziemliche Menge des Beruhigungsmittels Diazepam aufgelöst war. Die Tote hätte sich schon aufgrund der Beruhigungsmittel kaum wehren können, der Knebel unterdrückte auch die letzten Schreie.

Die Mordwaffe – ein Messer – wurde nie gefunden


Vater und Tochter beschuldigen sich gegenseitig, ihre Aussagen:

Jan Flachmeyer will in jener Nacht in seinem Bett gelegen haben. Das Ehepaar hatte sich - so Jan Flachmeyer - ins Gästezimmer zurückgezogen, weil es dort in der heißen Sommernacht - die Temperaturen sanken in jener nur auf 19.4 Grad - angenehm kühl war. Das Gästezimmer liegt 35 Meter vom Wohnzimmer entfernt, man kann dort nicht hören, was im Wohnzimmer passiert. Mitten in der Nacht soll Louise gekommen und an die Tür geklopft haben. Sie verlangte, sofort mit ihrer Mutter sprechen zu können. Jan Flachmeyer schickte seine Frau ins Wohnzimmer zur Tochter, dann ging er wieder ins Bett. Später kam die Tochter und sagte "Gute Nacht". Da sie kein Licht anmachte, sah er sie nicht. Er wartete etwas, und als seine Frau nicht nachkam, machte er sich Sorgen, ging hinunter und fand seine Frau tot. Als ihn ein Journalist fragte, warum er nicht versucht hatte, seine Frau zu retten, sagte er: "Hör zu. Sie WAR tot. Sie hatte die Blässe der Toten. Ich bin seit 35 Jahren Arzt und habe einige Leichen gesehen. Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass es vorbei war."

LouiseL. beschreibt die Situation ganz anders. Ihr Vater habe sie angerufen und sie gebeten, zu kommen, da Hanne Lene wieder einmal vollkommen außer sich sei aufgrund der Drogen. Lene ging die 4 km zum Haus ihrer Eltern. Dort sah sie, wie der Vater stehend von oben auf die im Sofa sitzende Mutter einstach. Sie legte sich spontan über ihre Mutter, um sie zu schützen. Dabei merkte sie, dass es zu spät war. Sie sprang auf und lief voller Panik, in Blut verschmiert und im Schock nach Hause.

Helle Lene wurde insgesamt fünf Mal gestochen. Einer der Stiche traf die Lungenpulsader und führte dazu, dass sie sehr schnell verblutete.

Drei Tage nach dem Mord wurde Jan Flachmeyer wieder freigelassen.

Nur zwei Wochen später ließ er sich die Lebensversicherung seiner Frau in Höhe von ca. 60.000 Euro auszahlen. Er ließ die Leiche seiner Frau einäschern, ohne die Kinder zu informieren.


Am 24. September 2007 begann der Prozess gegen Louise L.

Keiner – nicht einmal der Staatsanwalt – kann sagen, warum sie ihre Mutter erstochen haben soll. Es gibt kein erkennbares Motiv. Louise L. hat dagegen ausgesagt, dass ihr Vater seit Jahren Freundinnen hat und sich aber des Vermögens wegen nie scheiden lassen wollte. Bereits am zweiten Prozesstag hat der Vater als einziger Zeuge der Anklage seine Tochter erneut beschuldigt.

Die vier Geschwister von Lene L. haben sich in der Öffentlichkeit nicht geäußert, über sie ist bisher nichts bekannt. Ein Sohn hat auf die Behauptung, der Vater habe die Lebensversicherung haben wollen, allerdings mit dem Satz reagiert: "Mein Vater ist mehrere Millionen schwer, 60.000 Euro sind ein Klacks für ihn."

Jan Flachmeyer hat seit seiner Freilassung immer wieder mit der Presse gesprochen und auch die Tochter öffentlich beschuldigt. („Es tut mir leid für sie und ihre Kinder“) Sowohl Louises Verteidiger als auch die Staatsanwaltschaft stehen diesen Äußerungen kritisch gegenüber.





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