13.11.07

Tod eines Kindermädchens


Långedrag, das idyllische Reiche-Leute-Viertel bei Göteborg, gilt als das Grünwald Schwedens. Die wenigsten Schweden waren jemals dort, aber jeder im Land kennt den Namen. Långedrag – das klingt nach Geld und Erfolg.

Wer hier wohnt, hat es zu etwas gebracht.
Oder er hat geerbt.
Oder er arbeitet für Jemanden, der es zu etwas gebracht oder geerbt hat.

Dann ist man zwar nur ein VIP-Zaungast, aber auch das ist nicht zu verachten.

Der Ort hat seine eigenen Gesetze: Desto näher das Anwesen an der Hafenfront liegt, desto angesehener ist man. Man fährt Volvo, Mercedes, BMW – oder auch mal einen Jaguar oder Ferrari. Und man ist über alle Maßen diskret. Jeder kennt jeden, aber was hier eigentlich passiert, wissen nur die, die sich vom Sonntagsbrunch im Yachtclub oder vom Empfang nach der letzten Aktionärhauptversammlung beim Vornamen nennen!

Kriminalität ist in Långedrag kein Problem, das schlimmste, was einem früher mal passieren konnte, war ein Einbruch. Aber dagegen helfen ja nun inzwischen ausgeklügelte und äußerst sichere Alarmanlagen. Als am Donnerstag nach Ostern die Polizei vor einer Villa in Långedrag Stellung bezog, war die Neugierde in Schweden so groß, wie selten. Gleichzeitig gab sich die Polizei anfangs sehr bedeckt. Selbst als man in der Villa schließlich eine Leiche fand, war man noch sehr zurückhaltend.

Aber dann wurde doch schnell bekannt, dass hier ein besonders tragischer Mord statt gefunden hatte. Eine junge Frau – Jelena Ivanisvic – hatte hinter der feinen Fassade einen schmerzhaften und schrecklichen Tod gefunden. Jelena war das Kindermädchen der Familie gewesen, und ihr Tod hinterlässt bis heute in Schweden seine Spuren. Ihr Tod und das später gefällte Urteil können vielleicht einmal dazu beitragen, dass die schwedischen Strafgesetze verändert werden!


Jelenas schrecklicher Tod

Der Eigentümer der Villa war am 5. April mit seiner Familie zum Osterurlaub nach Mauritius geflogen. Jelena blieb alleine zurück. Man hatte sie eingeladen, mit nach Mauritius zu fliegen, aber sie hatte die Einladung abgelehnt.

Jelena war hauptberuflich Studentin, sie wollte die kinderfreie Zeit nutzen und Freunde in Norwegen besuchen. Im letzten Augenblick änderte sie ihre Pläne. Per SMS teilte sie ihrem Bruder Zeljko in Kroatien mit, dass sie lieber daheim in Göteborg bleibt.

Jelana war ein Mädchen, das als Kind eigentlich sehr viele Odds gegen sich gehabt hatte, und dem trotz allem gelungen war, ein tolles Leben aufzubauen. Jelena konnte zu Recht optimistisch sein, vor ihr lag eine große Zukunft voller menschlicher und beruflicher Möglichkeiten!

Jelena führte einen Blog. Hier ihre eigenen Worte, mit denen sie ihr Leben geschildert hatte:

Ich bin in Kroatien geboren. Während des Krieges mussten wir nach Deutschland fliehen, dort lebten wir bei Verwandten. Mein Vater wollte, dass wir kroatisch lernen und dass wir in unserer Heimat aufwachsen. Deswegen gingen wir nach dem Krieg wieder zurück. Schweden ist ganz anders als Kroatien. Aber ich liebe es, hier zu sein!“

Zurück in Kroatien ließen sich Jelanas Eltern scheiden. Jelena blieb bei ihrem Vater, ihr Bruder bei der Mutter. Jelenas Vater sorgte dafür, dass sie das Abitur machte, und dass sie anschließend eine internationale Ausbildung anfangen konnte. Während der Jahre, in der die Familie auf der Flucht gewesen war, hatte Jelena Kontakte nach Skandinavien geknüpft. Sie interessierte sich für die kühlen Weiten des Nordens und für die Menschen dort oben. Gezielt bereitete sie sich auf ein Leben in Skandinavien vor. Jelena wollte Journalistin werden!

Als ihr 2005 in Göteborg ein Studienplatz angeboten wurde, schlug sie sofort zu!

Um ihr Studium finanzieren zu können, nahm sie gleichzeitig einen Job als Kindermädchen an.

Der Job war für eine Studentin bestimmt schon fast so etwas wie ein Traumjob: Freie Kost und Logi plus Taschengeld in einer Reichen-Leute-Villa. Vormittags hatte sie frei und konnte zur Uni, nachmittags betreute sie die Kinder.

Alles schien perfekt!

Bis Jelena dann auf Ostern 2007 verschwand.

Ihr Vater rief jeden Tag aus Kroatien an, aber sie ging nicht ans Telefon. Auch ihre Freunde konnten sie nicht erreichen, und am Ende wurde die Tür von der der Villa geöffnet.

Den Beamten kam sofort ein beißender Geruch entgegen. Es gab keinen Zweifel mehr! Hier war etwas Schreckliches passiert. Man fand Jelena nur mit Socken, Höschen und T-Shirt bekleidet tot neben ihrer Toilette. Ihr Mörder hatte ihre Hände mit Handschellen gefesselt, er hatte sie vergewaltigt, geschlagen und am Ende mit einem Handtuch erwürgt.

Die Nachforschungen ergaben, dass Jelena wahrscheinlich bereits am 8. April - Ostersonntag - gestorben ist.

An diesem Tag hatte ihr Bruder Zeljko mehrere SMS aus Kroatien geschickt und keine Antwort bekommen. Auch am Ostermontag konnte niemand aus der Familie sie erreichen. Als eine Freundin von Jelena dann auch noch in Kroatien anrief und nach Jelena fragte, weil sie in Göteborg nicht ans Telefon ging und auch zu einer Verabredung in einem Cafe nicht erschienen war, brach in der Familie in Kroatien die Angst aus!

Bis Donnerstag versuchte man es immer wieder. Freunde und Familie riefen ständig an oder fuhren zur Villa, klingelten und klopften. Dann alarmierten zwei Freundinnen schließlich die Polizei.

Jelena war fünf Tage lang tot neben der Toilette gelegen.
Sie war gerade einmal 20 Jahre alt geworden.


Spurensucher bei der Arbeit / Quelle Aftonbladet


Der Täter - klein, aber gar nicht fein!

Die Polizei ging sehr schnell davon aus, dass Jelena ihren Mörder gekannt haben musste. Gespräche mit Bekannten und Freunden zeigten, dass Jelena keinen Freund gehabt hatte. Einer Freundin hatte sie sogar gestanden, noch Jungfrau zu sein. Ein wichtiges Hilfsmittel bei der Spurensuche war Jelenas Handy. Jelena kommunizierte sehr viel damit, und die Polizei konnte leicht sehen, wer was wann per SMS mitgeteilt hatte und stieß dabei sehr schnell auf einen jungen Mann, der bei der Polizei kein Unbekannter war.

Er war zum Tatzeitpunkt 24 Jahre alt und stammte aus Indien. Seine Eltern hatten ihn nach Schweden zum Studieren geschickt, denn er sollte es als einziger Sohn der Familie zu etwas bringen und Molekularbiologe werden. Ihr ganzes Leben hatten sie dafür gespart und ihn mit 15.000 Euro in der Tasche in das ferne Land geschickt!

2006 kreuzten sich die Wege von Jelena und dem indischen Studenten. Beide besuchten an der Uni einige Wochen den gleichen Kurs!

Während Jelena jedoch zügig weiterstudierte, wurden dem jungen Inder die Studien zu viel. Er verließ die Uni und begann zu jobben. U.a. arbeitete er in einer Pornobar in Göteborg.

Dort kam es 2006 dann auch zu einem merkwürdigen Vorfall. Eine junge Frau zeigte ihn an. Er habe sie auf der Toilette gefesselt und missbraucht und anschließend Fotos von ihr ins Internet gestellt. Der junge Inder wies alle Anschuldigungen zurück, und da man ihm nichts beweisen konnte, wurde die Anklage fallen gelassen.

Es kann durchaus sein, dass sein Aussehen dazu beigetragen hat! Denn der Inder ist sehr klein und sehr schmächtig. Die Polizei hielt nach seiner Verhaftung fest, dass er in etwas so groß wie ein schwedischer Elfjähriger ist! Im Grunde konnte ihn sich niemand als Vergewaltiger vorstellen! Dabei war der kleine schmächtige Mann noch zu viel brutalerem fähig!

Als er einige Wochen nach Jelenas Tod festgenommen wurde, gab er die Tat sehr schnell zu. Aber genau wie beim ersten Mal, behauptete er, unschuldig zu sein. Jelena habe freiwillig mitgemacht. Sie sei ausgerutscht und habe sich den Kopf geschlagen. Und dann habe sie so geschrieen, dass er sich auf sie gesetzt habe, und dabei sei sie quasi aus Versehen gestorben!



Der Prozess fand im Juli 2007 statt.

Vor Gericht beschrieb der 24-Jährige seine Tat nun etwas anders: „Wir hatten eine Beziehung, wir wollten uns ein Leben aufbauen. Ich besuchte sie auf Ostern, und wir hatten zwei Mal Sex miteinander. Sie wollte es so. Aber anschließend wollte sie Geld von mir haben. Da drehte ich durch.“

Der Gedanke, dass Jelena, die noch nie einen Freund gehabt hatte, Geld für Sex haben wollte, wirkte absurd. Wie absurd, wurde durch die Aussage eines jungen Mannes unterstrichen, mit dem Jelena vier Wochen vor ihrem Tod ins Kino gegangen war. „Es war ihr erstes Date, sie hatte noch nie in ihrem Leben einen Mann auch nur geküsst.“

Jelenas traurige Sterben neben der Kloschüssel – das wurde allen Prozessbeobachtern klar - dauerte lang und war qualvoll. Der 24-Jährige gab vor Gericht zu, dass er 20 Minuten lang würgen musste, bis sie tot war! Jelena hat sich gewehrt, sie hat um ihr Leben gekämpft, sie hat wahrscheinlich auch gefleht. So oft hatte sie in ihrem Leben erfolgreich gegen die Widrigkeiten des Schicksals angekämpft, aber gegen diesen kleinen dünnen Mann kam sie einfach nicht an!


Das Urteil

Der Inder wurde schließlich zu elf Jahren Haft verurteilt, wovon er ein Jahr für die frühere Vergewaltigung bekam. Anschließend wird auf Lebenszeit aus Schweden ausgewiesen. Außerdem wurde er auch noch wegen der früheren Vergewaltigung verurteilt.

Die Proteste gegen das Urteil waren zahlreich, in vielen Leitartikeln der schwedischen Presse wurde das geringe Strafmaß angeprangert. Dabei haben schwedische Richter vor allem das Problem, dass sie beim Strafmaß zwischen zehn Jahren und lebenslänglich entscheiden müssen. Dazwischen gibt es nichts!

Auch die Staatsanwaltschaft forderte eine lebenslängliche Haft und ging deshalb in Berufung.

Aber das Berufungsgericht hielt an dem Urteil fest.
Der Täter habe zwar den Tod von Jelena gewollt, die Tat selbst sei aber nicht außergewöhnlich brutal gewesen. Und nur bei außergewöhnlicher Brutalität kann ein schwedisches Gericht ein lebenslängliches Urteil fällen!

Das Strafgesetz wird seitdem immer wieder heftig diskutiert. Mehrere Frauenmorde - darunter auch der Mord an Jelena - waren im letzten Jahr als "nicht brutal" eingestuft worden ... all diese Urteile haben für Aufregung gesorgt. Mehr dazu auch in einem früheren Posting

Mehr und mehr Experten fordern, den Richtern mehr Spielraum einzuräumen! Vielleicht wird es ja mal ein Rex Jelena geben, wer weiß?

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