11.07.07

Knutbys mörderischer Pastor



Schweden, Januar 2004:
Zwei tote Ehefrauen, ein höriges Kindermädchen, eine „Braut Christi“ und ein lüsterner Pastor


Der Schnee lag in gewaltigen Dünen vor den bunten Holzhäusern. Es waren die dunkelsten Tage und die längsten Nächte des Jahres. Es schneite oft und heftig, und es war, als würde ganz Süd- und Mittelschweden unter einer weißen, dicken Decke verschwinden. Januar 2004 war in vieler Hinsicht ein typischer schwedischer Wintermonat. Es war still, und es passierte wenig. Bis zum 10. Januar

Am 10. Januar wurde die Polizei zu einem Haus in der kleinen verschlafenen Ortschaft Knutby, 40 km außerhalb von Uppsala, gerufen.

Nachdem sich die Streifenwagen durch die Schneemengen gekämpft hatten, fanden die Beamten in einem Haus einen angeschossenen, schwer verletzten Mann. Kurz darauf fand die Polizei im Nachbarhaus eine weibliche Leiche: Alexandra Fossmo (24), hübsche Ehefrau des lokalen Pastors, war im Schlaf erschossen worden. Die Täterin konnte noch am gleichen Tag verhaftet werden. Es war Sara Svensson, das 26-jährige Kindermädchen der Pastorenfamilie. Für die Kripo-Beamten war schnell klar, warum sie Alexandra erschossen hatte. Offensichtlich war das Kindermädchen in den Pastor Helge Fossmo (32) verliebt und eifersüchtig. Allerdings hatte der Pastor die Beziehung mit ihr bereits beeindet.

Am meisten wunderten sich die Kriminalbeamten über den Mordversuch am unbeteiligten Nachbarn. Warum hatte das Kindermädchen auch ihn töten wollen? Die Polizei stand vor einem Rätsel, musste aber sehr schnell eines erkennen: In Knutby gab es viele Geheimnisse!

Knutby ist ein winziger Ort mit nur ca. 560 Einwohnern. Die meisten Bewohner von Knutby sind Mitglieder der freikirchlichen Pfingstgemeinde „Filadelfia“. Die Sekte hat ihren eigenen Pastor und ihre eigene Schule. Außenstehende wussten wenig oder nichts über das Leben in Knutby.

Erste Nachforschungen brachten allerdings schnell zu Tage, dass Alexandra nicht die erste Pastorengattin war, die unter ungewöhnlichen Umständen gestorben war. Auch Helge Fossmos erste Frau Helene – die Mutter seiner beiden Kinder – starb Aufsehen erregend. Helene hatte 1999 jede Menge Pillen geschluckt und war anschließend im Badezimmer ausgerutscht und ertrunken.

Ihr Tod wurde 1999 als Unfall abgehakt, aber nun, im Jahre 2004, rückte der Pastor aufgrund dieser Vorgeschichte schnell in den Mittelpunkt der polizeilichen Nachforschungen.

Allerdings erwiesen sich anfangs die Befragungen in Knutby als sehr schwierig, die kleine Sekte hielt zusammen. Aber gegen moderne Technik konnten auch die Gemeindemitglieder nichts unternehmen. Denn eine SMS wurde schließlich zum wichtigsten Beweis der Anklage! Das Kindermädchen Sara Svensson hat sie kurz vor den Todesschüssen erhalten. Die Botschaft war kurz, aber deutlich: „Töte sie!“

Absender war der trauernde Pastor.

Achtzehn Tage, nachdem das Kindermädchen einen Mann angeschossen und eine Pastorengattin erschossen hatte, wurde Helge Fossmo verhaftet.

Nun kristallisierte sich langsam heraus, was im verschneiten Knutby wirklich geschehen war. Der Pastor hatte seine Frau loswerden wollen und seine Ex-Geliebte, das Kindermädchen, dazu gebracht, die Ehefrau zu erschießen. Weil der Nachbar die Pastorengattin liebte, sollte auch er sterben. Für die Morde benutzte er das Kindemädchen, das ihm immer noch hörig war.

Allerdings hatte Helge Fossmo inzwischen eine Affäre mit Åsa Waldau, der charismatischen, gut aussehenden, religiösen Sprecherin der Gemeinde, die sich selbst als „Braut Christi“ bezeichnete. Einige vermuteten, dass die „Braut Christi“ die eigentliche Drahtzieherin gewesen war. Auch die Staatsanwaltschaft war sich zeitweise ihrer Sache nicht ganz sicher. Es war schwer nachzuvollziehen, warum Sara als Ex-Freundin, einen zweifachen Mord begehen wollte, wenn sie gewusst hat, dass Helge Fossmo nie mehr zu ihr zurückkommt.

Fossmo hat später versucht, Åsa Waldau und Sara Svensson gegeneinander auszuspielen. So erzählte er vor Gericht, Sara habe „Sex mit Jesus“ gehabt und er habe Åsa davon erzählt. Die habe das als „Braut Christi“ natürlich empörend gefunden. In Schweden gab es in jenen Tagen nicht wenige, die sich klammheimlich fragten, wie „Sex mit Jesus“ rein praktisch vor sich geht. Zeitweise sah es aus, als würde aus dem „Drama Knutby“ eine „tragische Komödie“ werden.

Die Urteile fielen am 30. Juli 2005

Die Staatsanwaltschaft hatte auch den Badewannen-Tod von Helene Fossmo aufgerollt, die Anklage gegen Helge Fossmo lautete deshalb auf zweifachen Mord und einem Mordversuch.

Die Anklage gegen Sara Svensson lautete auf einen Mord und einen Mordversuch.

Sara Svensson hatte sich vor Gericht als ein junges Mädchen präsentiert, das einem Pastor vollkommen hörig war. Wenn er über seine Verhältnisse zu seinen anderen Freundinnen und zu seinen beiden Ehefrauen sprach, musste sie mit den Tränen kämpfen. Das Gericht entschied deshalb nicht überraschend, dass Sara einer Gehirnwäsche unterzogen worden war und verurteilte die junge Frau zu psychiatrischer Behandlung. Inzwischen soll es ihr schon wieder besser gehen. Seit Sommer 2007 darf sie in Begleitung sogar manchmal einkaufen gehen.

Helge Fossmo wurde dagegen zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Allerdings "nur" für einen Mord und einen Mordversuch. Die Beweise in Bezug auf den Badewannentod seiner ersten Frau standen für ein Urteil auf zu wackeligen Beinen.

Der Pastor hat sich inzwischen von der Sekte losgesagt und im Frühjahr 2007 bekannt gegeben, dass er sich verlobt hat.

In einem 150 Stunden Interview, das er hinter Gittern der Psychologin Eva Lundgren gab, stellt er sich selbst als Opfer der Sekte dar. Knutby sei auf dem besten Weg gewesen, eine Todessekte zu werden. Er selbst sei Åsa Waldau – der Braut Christi – hörig gewesen. Sie habe die fragliche Todes-SMS geschrieben, er habe sie nur weitergeleitet. Hintergrund sei der allgemeine Todeswunsch in der Sekte gewesen. „Es war logisch, dass Åsa bald sterben sollte, um als Braut Christi mit ihrem Bräutigam vereinigt zu werden. Die Gemeinde bat jeden Abend um ihren Tod. Sie hat als Prophetin den Tod meiner ersten Frau vorausgesagt. Helenes Tod war ein Beispiel dafür, wie es ablaufen kann.“

Weil Sara, das Kindermädchen, als seine Geliebte in Ungnade gefallen war, sollte sie aus Beweis für ihre Liebe zu Gott jemanden töten. Asa gab den Befehl.

So lautet inzwischen jedenfalls die Erklärung des Ex-Pastoren.

Sara Svensson sah die Dinge später viel einfacher und logischer: „Ich lebte in einer Welt, in der alle verrückt waren.“

Åsa Waldau lebt immer noch als "Braut Christi" in Knutby.

Mehr über den Knutby-Mord hier

10.07.07

Das leere Boot - ein Ehepaar verschwindet


Dänemark, Juni 2007:
Ein altes Ehepaar verschwindet spurlos im Meer





Der Sommer auf den kleinen dänischen Inseln, von den Dänen liebevoll "Südseeinseln" genannt, ist ein Idyll wie aus einem Heimatroman. Da gibt es Windmühlen, alte Fachwerkhäuser mit Reetdächern, bunte Fahrräder, gelbe Sommerblumen und auf einigen Inseln natürlich auch Ferienhäuser in den Dünen. Der örtliche Kaufmann kennt alle seine Kunden beim Namen, und wenn es regnet, dann verkriechen sich die Einheimischen vor dem Fernseher, während die Touristen im gelben Ostseenerz am Strand wandern und Muscheln sammeln.

Hier kann man die Seele baumeln lassen, wie es so schön heißt. Oder auch sein Leben verlieren.

Wie das dänische Ehepaar Ruth (73) und Finn (70) Teisen, das eigentlich von einen geruhsamen Rentnerdasein auf seiner Heimatinsel Strynø geträumt hatte. Eigentlich stand diesem Traum auch nichts im Wege, bis die beiden dann Anfang Juni 2007 den schrecklichen Fehler machten, und mit ihrem 24 Meter langen Motorboot zur größerern Nachbar-Insel Ærø fuhren.

Ruth und Finn galten trotz ihres Insel-Lebens als nicht besonders seetüchtig. Deswegen fuhren sie mit ihrem Boot immer so schnell wie möglich einen Hafen an, und deswegen wollten sie das Boot nun auch verkaufen. Auf Ærø wollten sie einen Kâufer treffen.

Das Ehepaar gehörte zu den Insel-VIPs. Man kannte sie und ihre Gewohnheiten gut, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihr Sohn Ketil Teisen ein bekanntes Gesicht im dänischen Fernsehen ist.

Es fiel deshalb nach einiger Zeit auf, dass das Boot tagelang draußen an einer Boje verankert liegen blieb. Für zwei ältere Leute, die lieber das Festland unter den Füßen spürten und die deshalb lieber am Kai ankerten, ein ungewöhnliches Verhalten. Auch die Familie hörte nichts mehr von Ruth und Finn.

Mitte Juni wurde endlich die Polizei verständigt. Sie fand das Boot leer, Blutspuren zeugten davon, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Die dänische Polizei stand vor dem Phänomen: "Doppelmord ohne Leichen".

Es begann eine große Suchaktion am und über dem Meer. Boote und Hubschrauber der Küstenwache beteiligten sich. Zeitgleich wurde ein 25-Jähriger von der dänischen Polizei im ganzen Land gesucht. Er wohnt auf der Insel, und Zeugen hatten ihn in einem gestohlenen Wagen vom Hafen wegfahren sehen.

Nach nur einem Tag Fahndung wurde der junge Mann verhaftet.

Die Wahrheit über das Verschwinden des alten Paares bestürzte Dänemark. Der 25-Jährige hatte sich als interessierter Käufer vorgestellt und war mit dem Paar aufs Meer gefahren. Was Ruth und Finn nicht wussten: Der junge Mann hatte überhaupt kein Geld. Er wollte das Boot stehlen und mit dem Verkauf des Bootes seine Schulden bezahlen.

Sein Plan war simpel und brutal. Auf dem offenen Meer stach er mit seinem Taschenmesser auf die beiden ein, dann warf er sie über Bord. Wahrscheinlich lebten die beiden noch, als sie ins Wasser geworfen wurden.

Vor dem Haftrichter gestand der 25-Jährige seine Tat sofort, allerdings beschrieb er sie als "Unfall". Auf dem Meer habe er bereut, dass er das Boot eigentlich stehlen wollte. Er versuchte deshalb, Finn zu erklären, dass er gar kein Käufer sei und gar kein Geld habe und was er eigentlich vorgehabt hatte. Finn soll wütend geworden sein und den Möchtegernräuber als "Rotznase" beschimpft haben. Es kam zu einer Rauferei, bei der der 25-Jährige dann sein Messer zog.

Als er zurück an Land war, verdrängte er seine Tat. Das gestohlene Boot rührte er nicht mehr an, und erst als er Fotos von dem ermordeten Ehepaar in den Nachrichten sah, dämmerte ihm, was passiert war.

Kaltblütiger Doppelmord oder Unfall? Ein Gericht wird später darüber entscheiden.

Die Leichen könnten vielleicht Aufschluss darüber geben, aber bisher wurden sie nicht gefunden.

Die Kinder und Enkelkinder des ermordeten Ehepaares fuhren mit einem Boot aufs Meer und nahmen dort Abschied. „Wir sind sehr stolz darauf, dass sie bis zuletzt gekämpft haben“, erklärte Ketil Teisen.

...

Kurz vor Weihnachten 2007 wurden die Leichen gefunden.