06.01.08

Jenseits aller Grenzen - "Tøndersagen"

Der Fall von Tønder ging als "Tøndersagen" in die dänische Kriminalgeschichte ein. Mehrere Bücher sind inzwischen erschienen, und es gibt natürlich mehrere Blogs dazu. Ganz abgesehen davon, dass jede dänische Zeitung grob gerechnet mindestens 100 Artikel darüber veröffentlicht hat! Erst vor kurzem machte der Fall wieder Schlagzeilen, als Einzelheiten über das heutige Leben der Opfer bekannt wurde.

Eines steht fest: Der Fall hat ganz tief in den Menschen etwas berührt. Denn bei dieser Geschichte gab es nicht nur einen "Bösen", sondern gleich eine ganze Gruppe von Tätern.

Wer hatte auch nur ahnen können, dass so viele potentielle Täter unter uns leben? Dass so viele Männer bereit sind, ein Kind sexuell zu missbrauchen, wenn sie nur die Möglichkeit dazu bekommen?

Denn das war - kurz zusammen gefasst - passiert:

Ein Vater hat im süddänischen Tøndern im Sommer 2005 seine nur 10-jährige Tochter gegen symbolische Bezahlung als Prostituierte einem immer größer werdenden Kundenkreis zur Verfügung gestellt. Die Mutter des Mädchens hatte die Familie verlassen und war in einem Haus für geschlagene Frauen untergetaucht. Allerdings hatte sie vor ihrer Flucht durchaus vom sexuellen Missbrauch der Tochter gewusst. Auch die zweite Tochter - 8 Jahre alt - war misshandelt worden.

Das Märthyrium des Mädchens hörte erst auf, als bei der Polizei ein anonymer Tipp einging. Am Ende wurden 17 Männer verurteilt!

Der Kripo-Mann Tom Christensen hat den Vater der Mädchen stundenlang verhört. Er ließ sich nach Abschluss des Falles zu einem für einen Kriminalassisten ungewöhnlich leidenschaftlichen Aussage hinreissen:

"Ich habe kein Verständnis dafür, was er seinen beiden Töchtern angetan hat. Ich hab ihm beim ersten Treffen die Hand gegeben, aber seit dem hab ich ihn nie mehr berührt. Ich würde nicht einmal das Handtuch benutzen, in dem er seine Hände getrocknet hat. Ich habe über Hundert Stunden mit ihm verbracht, aber ich habe sein Geständnis bekommen, und das war das wichtigste. Ich hasse ihn wie die Pest. Er weiß das. Trotzdem will er sich nur mir anvertrauen."


Tønder ist eine Kleinstadt ganz nahe an der dänisch-deutschen Grenze. Im eigentlichen Ort wohnen ca. 12.000 Menschen – mit den vielen kleinen Dörfern im Einzugsgebiet der Kommunalverwaltung sind es ca. vier Mal so viel. Im Hinterland von Tønder gibt es großen Weiten und viele allein stehende Gehöfte. Auch ein Kloster gibt es hier – „Løgumskloster“. Hier kann man in Klausur gehen und die Stille der weiten Landschaft genießen.

In dieser Landschaft außerhalb der Kleinstadt Tønder lebte Henrik N. (heute48) mit seiner Familie – seiner hübschen Frau Isabella (heute 42) und zwei kleinen Töchtern.

Henrik liebte die Ordnung und die Perfektion. Sein Auto war immer geputzt, seine Frau Isabella hielt er dazu an, im Kloster Orgelunterricht zu nehmen. Zu den Orgelkonzerten seiner Frau erschien er im Anzug – die beiden Töchter begleiteten ihn in hübschen Kleidchen. Aufgrund eines Herzfehlers konnte Henrik nie richtig arbeiten, aber nach einer Operation hatten ihm die Ärzte viel Sport empfohlen. Er begann mit Karate und machte den schwarzen Gürtel, er joggte, und er fuhr stundenlang mit seinem Rennrad auf den schnurgeraden Straßen Süddänemarks.

Ein glückliches Familienleben führte die Familie N. jedoch nicht.

Henrik schlug seine Frau von Anfang an. Schon eine frühere Freundin hatte ihn aus diesem Grund verlassen, Isabella aber blieb. Nachdem das Paar geheiratet hatte, zwang er seine Frau dazu, fremde Männer zu sich nach Hause einzuladen. Es gab ihm einen Kick, wenn sie mit anderen Männern vor seinen Augen Sex hatte. Störungen jeder Art duldete Henrik nicht. Einmal zwang er Isabella sogar dazu, ihr weinendes Baby die ganze Nacht in den Keller zu sperren.

Als die älteste Tochter nur zwei Jahre alt war, zwang er Isabella außerdem dazu, die Töchter zu Sexgefährtinnen auszubilden. Die Mutter zeigte eigenhändig ihrer ältesten Tochter, wie sie den Vater zu befriedigen hat. Die jüngere Tochter hatte mehr Glück. Sie wurde von ihrem Vater erst missbraucht, als sie „schon“ sechs Jahre alt war.

Nur manchmal wagte Isabella, sich gegen ihren Mann zu wehren. Wenn sie es tat, verprügelte er sie. Einige Male floh sie mit ihren Töchtern in ein Krisencenter, aber jedes Mal kehrte sie zurück.

Bis September 2004. Damals ging Isabella für immer – aber aus unerfindlichen Gründen ließ sie ihre Töchter zurück bei ihrem Mann. Sie weigerte sich standhaft, zurückzukehren. Und sie geht sogar noch einen Schritt weiter: Um einen Sorgerechtstreit vor Gericht zu verhindern, gibt sie freiwillig das Sorgerecht an ihren Mann ab. Isabella – so scheint es – wollte alle Brücken hinter sich brennen. Auch wenn es auf Kosten ihrer kleinen Töchter ging, die damals nur 9 und 6 Jahre alt waren! Zu einem dänischen Journalisten sagt sie mehrere Jahre später: „Ich wollte die Kinder nicht. Er wollte sie ja damals haben, dann sollte er sich auch um sie kümmern.“

Henrik ließ seine Töchter nach der Trennung nicht mehr aus dem Haus. Man sah sie nie mehr, und die Nachbarn waren am Ende sogar davon überzeugt, dass die Kinder zu Pflegeeltern gebracht worden waren.

Seine älteste Tochter musste von nun an die Rolle ihrer Mutter Isabella übernehmen. Nicht nur, dass sie ihren Vater wie gewohnt sexuell befriedigen musste – sie musste auch andere Männer sexuell zur Verfügung stehen. Henrik setzte dazu kleine Anzeigen in ein Anzeigenblatt. „Lolita sucht Männerbekanntschaften“. Kurz davor war Henrik Mitglied des „Satanischen Forums“ geworden, und seinen Kindern erzählte er, dass sie gar nicht seine Töchter wären. Ihr Vater sei der Satan!

Während der großen Sommerferien im Sommer 2005 verlor Henrik vollständig die Besinnung.

Es gab Tage, an denen seine kleine Tochter von mehreren Männern gleichzeitig missbraucht wurde! Es gab keine Pausen mehr für sie, nur noch Porno und Missbrauch. Dabei war seine eigene sexuelle Befriedigung offenbar das wichtigste, denn um Geld schien es ihm nicht zu gehen. Die „Kunden“ bezahlten nur symbolische Beträge, manchmal reichte es, wenn sie eine Pizza spendierten oder eine Flasche Wein kauften!

Die Situation war unvorstellbar bizarr. Henrik zwang seine älteste Tochter dazu, Männer in einem durchsichtigen Nachthemd zu begrüßen, während er selbst in einem Sofa sitzt und Pornos anschaute. Die jüngste Tochter dabei als ständige Beobachterin. Um vollständig die Kontrolle zu behalten, hatte er alle Schlösser im Haus entfernt. Die Mädchen konnten sich nirgendwo einsperren.

Wahrscheinlich hätten die Leiden der Mädchen noch lange angedauert, wenn nicht ein Mann schließlich dann doch zur Polizei gegangen wäre. Er erstattete anonym Anzeige. Am 24. August 2005 wurde Henrik verhaftet.


Henrik wies lange alle Anschuldigungen von sich. Aber dann schrieb er doch eine Liste mit allen Namen auf und gestand. Für die Polizei in Tønder sprengten die Nachforschungen alle Rahmen. Zeitweise gab es Urlaubssperren, viele arbeiteten bis an den Rand der Erschöpfung.

Aber dann konnte der Fall endlich abgeschlossen werden. +

Ein Täter nach dem anderen kam vor Gericht und wurde verurteilt. Gegen Henrik N. wurde als letzter Anklage erhoben. Er sagte drei Tage lang dort unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus, dann wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Die Mutter der Mädchen wurde in die Psychiatrie eingewiesen.
Die beiden Mädchen leben heute in einem kleinen Heim.


Chronologie und Urteile:
4. August 2005 – die Polizei bekommt einen anonymen Hinweis
24. August 2005 – der Vater wird verhaftet

2. Februar 2006 – drei Männer bekommen je zwei Jahre Haft
18. April 2006 – ein Mann bekommt 2 Jahre Haft, einer 1 Jahr und 9 Monate.
19. Mai 2006 – ein 45-Jähriger und ein 65-Jähriger werden zu je 2 Jahren und 3 Monaten verurteilt, ein 49-Jähriger bekommt 2 Jahre Gefängnis.
4. Juli 2006 – ein 38-Jähriger wird zu 3 Jahren und 3 Monaten verurteilt und gleichzeitig aus Dänemark ausgewiesen
25. Juli 2006 – ein Pizzaria-Besitzer bekommt 3 Jahre und 6 Monate
18. August 2006 – zwei Asylbewerber aus Afghanistan bekommen je 2 Jahre Gefängnis
10. November 2006 – ein Deutscher – ein Familienvater aus Flensburg – wird zu zwei Jahren verurteilt
17. Januar 2007 – ein 45-Jähriger bekiommt die die strengste Strafe, er wird zu sechs Jahren verurteilt, weil er dem Vater bei der Beschaffung von Kunden geholfen hatte.


Es war wahrlich ein Fall mit vielen Tätern


Kommentare:

  1. Diese Strafen kann ich nicht verstehen, ich kann nur mit dem Kopf schütteln und habe Tränen in den Augen.
    10 Jahre bekommt man mindestens für einen bewaffneten Banküberfall, aber nur ein paar Jahre für 2 zerstörte Kinderleben!
    Es ist mir einfach nicht begreiflich!

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  2. Ich habe auch Tränen in den Augen. Diese Strafen sind ein Witz! Da sind uns die USA einiges voraus, er wäre nie mehr aus dem Knast gekommen. Die "Mutter" übrigens auch nicht. Hoffentlich geht es den Mädchen jetzt besser. Wie kann man seinen Kindern so etwas antun!

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