03.03.08

Der zündelnde Dorftrottel oder warum 38 Menschen sterben mussten

Sind Massenmörder nicht immer blutrünstige Monster, Menschen jenseits allem menschlichen?
Die Kriminalgeschichte widerlegt immer wieder unsere Vorurteile, unser inneres Bild, das wir Tätern haben.

Auch die Geschichte vom Hafnia-Brand zeigt, dass die Wirklichkeit oft anders ist als gedacht. Es wäre interessant zu wissen, ob moderne Profiler von heute ein annähernd richtiges Bild dieses Täters zeichnen würden.

Würden sie sagen, der Täter ist intelligent und umsichtig, weil er ein abgelegenes Wäschezimmer für seine Zündeleien gefunden hatte?
Oder würden sie sagen, der Täter ist dumm und kann die Konsequenzen seines Handelns nicht überblicken?

Die Polizei von damals tappte jedenfalls viele Jahre im Dunklen und die Verhaftung des Täters war am Ende nur einem Zufall zu verdanken.


Es ist über dreissig Jahre her, als in einer einzigen Nacht in Kopenhagen 35 Hotelgäste ihr Leben verloren. Für die Kopenhagener war der Brand des Hafnia-Hotels ein solcher Schock, dass bis heute noch jeder Däne aus dem Stehgreif erzählen kann, was damals passiert ist. Viele wissen bis heute, wo sie gerade waren, als sie hörten, dass das Hotel brennt.

Ein krankhafter Brandstifter hatte zugeschlagen, ein Massenmörder, den der Anblick von Flammen glücklich machte und der über die Toten zwar traurig war, ihr Sterben aber nie verinnerlichen konnte. Er war ein Mann, der aufgrund einer geistigen Behinderung so harmlos wirkte, dass vierzehn Jahre vergehen sollten, bis man ihn endlich dingfest machte. 38 Menschen konnte er deshalb insgesamt töten.


Der Hafnia-Brand


Das Hafnia-Hotel lag neben dem Verlagsgebäude der Zeitungen „Politiken“ und „Ekstra Bladet“ fast direkt am Rathausplatz. Es gehörte zur gehobenen Mittelklasse. 85 Menschen übernachteten in der Nacht zum 1. September 1973 in diesem Hotel, unter ihnen auch der bis heute für seine Plakate berühmte Zeichner Ib Antoni und der Kleinkriminelle Bent Nielsen. Bent Nielsen hatte Ausgang aus dem Gefängnis. Er hatte sich vorgenommen, eine tolle Nacht in Kopenhagen zu verbringen und sich deshalb im Hafnia einlogiert.


Eines der bekanntesten Plakate von Ib Hansen

Der Zeichner Ib Hansen wohnte im Ausland, er war auf Besuch in Kopenhagen und war mit Freunden essen gewesen, er wurde von einer Bekannten zu seinem Zimmer gebracht. Als sie wieder hinunter ging, roch sie Rauch. Zusammen mit dem Pförtner suchte sie nach der Rauchquelle. Gleichzeitig – es war 2.35 Uhr morgens – verließen zwei Drucker das Verlagsgebäude nebenan. Sie sahen Rauch aus einigen Fenstern dringen und alarmierten sie die Feuerwehr.

Die Feuerwehr war umgehend da, trotzdem konnten bei weitem nicht alle Hotelgäste gerettet werden. Einige retteten sich auf die Fenstergesimse, während im Hotelinneren das Feuer regelrecht explodierte. Teppichböden wurden zu Flammenmeeren, Fluchtwege waren versperrt, Böden brachen ein. Der Hotelbrand im Hotel Hafnia sorgte letzten Endes dafür, dass Dänemark seine Brandregeln verschärfte. Ein solches Unglück wie im Hotel Hafnia sollte es nie mehr wieder geben.

35 Menschen starben in jener Nacht, unter ihnen auch der Zeichner Ib Hansen.

Die Polizei nahm den Kleinkriminellen Bent Nielsen ins Visier. Er wurde verhaftet und immer wieder verhört. Pressefotos kann er verdanken, dass er nicht angeklagt wurde. Sie zeigten, wie er auf dem Fenstergesims steht und auf Rettung wartet. Die Polizei konnte sich trotz aller Vorbehalte nicht vorstellen, dass ein Brandstifter Feuer legt und dann in sein Hotelzimmer zurückkehrt um dort dann aus dem Fenster zu klettern.


Bent Nielsen wartet auf dem Gesims auf Rettung


Die Feuerwehr fand ziemlich schnell heraus, dass das Feuer in einer Wäschekammer gelegt worden war, aber weiter kam man nicht. Alle Untersuchungen, Verhöre und Nachforschungen verliefen im Sande.

Der Fall wurde zu den Akten gelegt.


Der Mädchenmord

Am 20. Mai 1980 wurde auf der idyllischen Nordsee-Insel Fanö ein Mädchen ermordet. Sie war nur 15 Jahre alt und hatte am Strand im Bikini ein Buch gelesen. Der Täter hatte sie vor dem Mord noch vergewaltigt, anschließend schlug er ihr den Kopf ein. Die Tote lag, bis sie entdeckt wurde, stundenlang im Sand, denn der Täter hatte dem Mädchen ein aufgeschlagenes Buch auf den Kopf gelegt. Spaziergänger und Schwimmer dachten, dass sie schläft.

Einer dieser zufälligen Strandspaziergänger verwickelte sich allerdings ziemlich schnell in Widersprüche. Er konnte sich nicht mehr genau erinnern, wann er eigentlich am Strand war. Der Mann war ein geschäftstüchtiger Immobilienmakler, hatte aber – wie sich herausstellte – ein Alkoholproblem. Schließlich wurde er festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt. Dem Richter reichten die Indizien nicht aus. Er wurde freigelassen und nie angeklagt. Aber auf Fanö kennt jeder jeden – ein normales Leben war für ihn nicht mehr möglich. Viele hielten ihn von nun an für den Mädchenmörder. Sein Immobiliengeschäft machte Konkurs, und er sah keinen anderen Ausweg, als in die USA auszuwandern.

Der Täter

Am 1. Dezember 1985 wurde ein Brandstifter bei frischer Tat geschnappt und festgenommen. Er hatte in einer Bahnstation Zeitungen angezündet und dabei onaniert. Er hieß Erik Solbakke Hansen, er hatte keinen Job und keine Ausbildung. Solbakke lebte in einem Heim für geistig Zurückgebliebene und galt eigentlich als typischer klassischer harmlos-netter Dorftrottel.

Er war alles andere als harmlos. Nur nett - das war er wirklich! Als ihn nun die Polizei direkt nach den Brandstiftungen befragte, antwortete er ohne Umschweife und ausgesprochen freundlich. Innerhalb kürzester Zeit gab er eine Brandstiftung nach der anderen zu.

29 Mal hatte er in den vergangenen Jahren Feuer gelegt! 37 Menschen waren insgesamt gestorben.

Sein erster Brand war der Hafnia-Brand mit 35 Toten gewesen, bei zwei anderen Bränden starben ein Feuerwehrmann und eine Frau.

Bei all den anderen 26 Bränden gab es zum Glück nur Sachschaden. Allerdings waren insgesamt Werte von ca. 48 Mio. Euro in den Flammen aufgegangen!

Während der Verhöre untersuchte die Polizei genau, wann sich Solbakke wo in den letzten Jahren aufgehalten hatte. Alle ungelärten Fälle wurden dabei unter die Lupe genommen. Dabei stellte sich heraus, dass er im Mai 1980 zusammen mit den Bewohnern seines Heims auf Fanö Urlaub gemacht hatte. Damals war er bei einem Spaziergang zufällig an dem 15-jährigen Mädchen vorbeigekommen. Weil er Sex wollte und sie nicht, brachte er das Mädchen kurzerhand um.

Der Mord an der 15-Jährigen war genauso zufällig passiert, wie der Mordbrand im Hotel Hafnia. Das Töten war quasi ohne Vorwarnung über ihn gekommen. Beim Brand des Hafnia-Hotels hatte er diese unmittelbare Zerstörungswut zum ersten Mal erlebt.

Als er am Hotel vorbei kam, bekam er plötzlich Lust auf Feuer und Sex. Beides gehörte für ihn zusammen, denn Flammen machten ihn an. Deswegen ging er ins Hotel, suchte sich eine abgeschiedene Kammer, zündete etwas an und onanierte. Dann ging er, ohne die Flammen zu löschen. „Er sagte, dass es ihm leid tat, dass so viele Menschen deshalb gestorben sind“, berichtete später ein Polizist. „Aber dann sprach er sofort von etwas anderem.“ Solbakke schien das Ausmaß seiner Taten nie wirklich begreifen zu können.

Solbakke wurde zu lebenslangem Aufenthalt in der Psychiatrie verurteilt. Das Urteil änderte an seinem Leben eigentlich nichts, nur das Heim durfte er von nun an nicht mehr verlassen. Er starb 1997.

Solbakke nach der Verhaftung








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