29.06.08

Das vermeintliche Paradies -


In Odsherred auf der Insel Seeland sieht Dänemark so aus, wie sich das Land in Brochuren der Fremdenverkehrsämter gerne selbst darstellt. Es gibt Meer und Dünen, Heidepflanzen, weiße Strände, Boote, kleine Dörfer, hübsche Backsteinkirchen, bunte Ferienhäuser und abgelegene idyllische Höfe.

Aber nicht alles ist so idyllisch, wie es nach außen wirkt. In einem dieser Höfe haben sich Anfang der 80er Jahre schreckliche Dramen abgespielt, und am Ende griffen zwei junge Frauen zum Gewehr und töteten ihren Peiniger.

Niels Frederik Jørgensen war Anfang 40, als die Geschichte begann. Er hatte bereits fünf Kinder mit fünf verschiedenen Frauen. Sein Leben war immer voller Aufruhr gewesen, zeitweise zog er als Gaukler durch die Lande, zeitweise handelte er mit Antiquitäten, dann wurde er schließlich Mitglied einer Rockergruppe.

Ende der 70er Jahre zog er in Asnaes in einen alten Bauernhof, sein Sohn Michael und dessen Familie waren auch dabei. Mit von der Partie war außerdem Jytte L., die junge Frau von Niels Frederik. Die Großfamilie teilte sich drei Zimmer, viel Platz gab es in dem Häuschen nicht.
1981 gründete NFJ, wie er von seinen Freunden genannt wurde, schließlich die Rockergruppe „Gypsie“ und involvierte sich in einem lokalen Mini-Rockerkrieg.

Der Bauernhof wurde zu einer Rockerburg umgebaut, der Zaun war mannshoch, Hunde bewachten den Ausgang, in der Nacht gingen Rockerfreunde Patrouille. Kurz darauf zog auch Mette – Jyttes kleine Schwester – mit in die „Burg“. Niels Frederik J. war nun ein gefürchteter Rockerboss mit zwei jungen Frauen und einem Sohn, der alles tat, um "the big Boss" das Wasser reichen zu können.

NFJ war außerordentlich medienbewusst, was Anfang der 80er Jahre noch eher unüblich war. So ließ er sich gerne und deutlich stolz mit den beiden jungen Schwestern fotografieren, und in einem Interview mit der dänischen Zeitung „Ekstra Bladet“ schwärmte er geradezu von dem Leben, das er führte.

„Ich habe den Traum aller Männer verwirklicht. Stell dir vor: Ich habe zwei Frauen! Ich brauche keine Seitensprünge mehr. Und ich behandle die beiden anständig! Nur drei Mal im Jahr gibt es Ärger, nämlich dann, wenn beide mit mir Sex haben wollen! Gruppensex ist bei uns nicht drinnen. Ich behandle beide gleich, und auf Partys geh ich z.B. nur, wenn beide eingeladen sind.“

Jytte und Mette lächelten dazu freundlich in die Kamera, auf einem Foto legt eine der beiden sogar liebevoll den Arm um ihren Mann.




In diesem Männerparadies kamen kurz darauf zwei Kinder zur Welt, sowohl Jytte als auch Mette wurden Mutter.

Wie es eigentlich hinter den Mauern des alten Hauses aussah und zuging, erfuhr man erst nach dem 15. Januar 1985. An diesem Tag gingen die paradiesischen Zustände brutal zu Ende!

Jytte erschoss NFJ aus nächster Nähe mit einem Jagdgewehr. Sie schoss drei Mal und traf ihn am Kopf und direkt im Herzen. Um zehn Uhr morgens meldete sie den Mord bei der Polizei, die beiden Schwestern wurden umgehend verhaftet.

In den wenigen Minuten bis zur Ankunft der Polizei flippte NFJs Sohn Michael völlig aus. Einige Jahre später berichtete er Ekstra Bladet: „Ich hörte die Schüsse und lief in sein Zimmer. Er war vollkommen zerfetzt, ich kniete mich nieder und trank sein Blut. Ich hatte das Gefühl, dass er dadurch ein Teil von mir wird.“

Vor Gericht wurde schließlich der Umfang des Leidens bekannt, das die beiden jungen Frauen durchlebt hatten.

Es gab endlose Geschichten von Misshandlungen und zahlreiche Zeugen, die die Horrorerlebnisse vor Gericht bestätigen konnten. Jytte und Mette waren froh, endlich reden zu können, aber über die schrecklichsten Erlebnisse konnten Jytte und Mette nur zögernd und leise berichten.

1983 benützte er Jytte als Einsatz in einem Pokerspiel. Als er verlor, sollte sie mit dem Sieger schlafen. Sie weigerte sich. Alle Rocker, die bei dem Fest dabei war, schlugen und traten nun auf Jytte ein, weil NFJ diese Strafe verlangte. Als Höhepunkt dieser Orgie pinkelte NFJ zusammen mit einem Kumpel auf die am Boden liegende Frau. Als sie davon lief, schoss er nach ihr und benützte sie als lebende Zielscheibe.

Immer wieder drohte er damit, den Frauen die Augen auszustechen, die kleinen Kinder wollte er erschießen.

Als sie hochschwanger waren, schlug er beiden Frauen mit einem Eisenrohr in den Bauch.

Drei Mal in der Woche mussten sie mit ihm schlafen, wenn sie nicht wollten, schlug er sie.

Natürlich fragte auch die Polizei, warum die beiden Frauen nicht einfach davon gelaufen waren. Aber Jytte und Mette hatten nicht den Mut dazu. "Er hat uns immer wieder gedroht, dass er uns finden würde und dass er uns dann das Leben gründlich verderben würde." Angesichts der Tatsache, dass Niels Frederik J. eine ganze Rockergruppe hinter sich hatte, waren diese Ängste auch für die Polizei und später für das Gericht absolut nachvollziehbar.

Sieben Jahre lang erduldeten die Frauen diesen Terror, aber als Jytte das Gefühl hatte, dass er die Kinder wirklich töten wird, nahm sie das Gewehr.

Unmittelbar gestand nur Jytte den Mord, und Mette konnte wieder nach Hause zu den Kindern. Aber als die technischen Untersuchungen zeigten, dass es einen vierten Schuss gegeben hatte und dass beide Frauen das Gewehr in der Hand gehabt hatten, kam die ganze Wahrheit ans Tageslicht und auch Mette gestand nun den Mord.

„Ich hörte die Schüsse und lief hinein, Jytte erzählte mir, dass sie ihn getötet hatte. Ich nahm das Gewehr und schoss auch auf ihn, sie sollte nicht allein die Verantwortung tragen.“

Die Staatsanwaltschaft forderte die Höchststrafe, die Verteidiger verwiesen jedoch auf den Paragraf 85. Dieser Paragraf ermöglicht Strafnachlass, wenn die Tat unter besonderen Umständen stattgefunden hat.

Das Schwurgericht schrieb Rechtsgeschichte! Zum ersten Mal in der Geschichte Dänemarks wurde der Paragraf 85 in einem Mordfall angewandt. Jytte und Mette wurden zwar schuldig befunden, konnten aber als freie Frauen den Gerichtssaal verlassen. Die Geschworenen hatten nur zwei Stunden gebraucht, um dieses Urteil zu fällen. Es heißt, dass einige der Geschworenen weinten, als Jytte und Mette begriffen, dass sie nun frei waren.

Seit dem Mord leben beide Frauen zurückgezogen irgendwo in Dänemark.



Kommentare:

  1. Hallo Ingrid,
    tolles Bild, das Du für Deine Überschrift ausgewählt hast.

    Der Fall ist interessant und sehr zu Herzen gehend. Ist Dir bekannt, ob er schon einmal als Vorlage für einen Krimi diente?
    Herzliche Grüße

    Henny

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  2. Freut mich, dass dir das Bild gefällt ...

    Nein, ich glaube nicht, dass dieser Fall schon verfilmt wurde oder als Buchvorlage gedient hat, aber ich kann mich natürlich irren.

    lg Ingrid

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