27.08.08

Ein Mörder kam nach Grönland


Juan Carlos Carlsen alias Sanjay Sharma nach der Auslieferung bei seiner Ankunft in Dänemark

Eine winzige Kinderhand schaute aus dem Sand der Däneninsel Fanö heraus. Das kleine Mädchen war erwürgt worden. Das Mädchen hieß Natuk und kam aus Grönland.
Es wurde nur drei Jahre alt.


Auf der dänischen Nordseeinsel Fanø herrscht meist eine scharfe Brise. Versteckt zwischen den Dünen liegen zahlreiche Ferienhäuser, der Sandstrand ist stolze 16 km lang, und in den Sommermonaten kommen hier manchmal bis zu 300.000 Gäste an einem Tag! Im Winter sind die ca. 3.100 Insel-Bewohner unter sich. Diese Zeit gehört dann meist der Reparatur der Ferienhäuser.

Am 8. Februar 2000 sieht ein Mann in einer Düne, die zum benachbarten Grundstück gehört, eine Kinderhand. Sie schaut aus dem Sand hervor, so als wolle sie mit letzter Kraft nach Hilfe greifen. Die Polizei rückt an, und wirklich: Im Sand ist eine Kinderleiche vergraben! Die Polizisten sehen sofort, dass die Leiche schon einige Zeit im Sand liegen muss, und dass das tote Kind noch sehr klein war. Älter als drei Jahre kann es nicht gewesen sein! Die Polizisten befürchten Schlimmes und graben auch an anderen Stellen in der Düne. Nach einiger Suche finden sie dann auch noch die Leiche einer Frau. Die Obduktion zeigt: Die Frau wurde erschlagen, das Kind erwürgt. Die Überprüfung der Vermisstenlisten und ein Blick in die Liste der Ferienhausmieter reichte, um die Identität der beiden Toten festzustellen. Es handelte sich um Carla Clasen (23) und ihre Tochter Natuk (3) aus Nuuk auf Grönland.


Die Frage war nur: Wieso hatten sie so ein tragisches Ende in den Sanddünen der Nordseeinsel gefunden?


Die Antwort kam schneller als erwartet: Carla Clasen war auf Grönland ganz offensichtlich ihrem Mörder begegnet, einem Mann aus Venezuela!

Die Suche nach diesem geheimnisvollen Mann entwickelte sich zu einer der größten Menschenjagden in der dänischen Kriminalgeschichte.


Das Drama begann am 27. August 1999. An diesem Tag landete ein stämmiger, mittelgroßer Mann mit gelockten Haaren auf dem Flughafen von Nuuk. Laut Pass hieß er Juan Carlos Sanches Pinto. Juan Carlos Sanches Pinto ist 31 Jahre alt und kommt aus Venezuela. Schon am Flughafen lernte er zwei grönländische Männer kennen. Sie sind homosexuell und laden Juan zu sich nach Hause ein. Juan Carlos verbringt die meiste Zeit auf Grönland mit diesen beiden Männern. Er erzählt ihnen, dass er nach Grönland gereist ist, um dort Arbeit zu suchen. Die drei Männer verbringen offensichtlich gemeinsam fröhliche Tage


Bis zum 30. August.


An diesem Tag verkauft Carla Clasen vor dem großen Supermarkt von Nuuk abgelegte Kinderkleider. Damit will sie ihre magere Haushaltskasse etwas aufbessern. Carla ist mollig und gedrungen, sie sieht älter aus als ihre 22 Jahre, und sie führt ein Leben ohne große Perspektiven. Sie lebt mit ihrer kleinen Tochter von Sozialhilfe, und die Nachmittage und Abende verbringt sie gerne mit Freunden. Gemeinsames Hobby: Hasch rauchen.


Juan Carlos sieht Carla, spricht sie an - und macht ihr umgehend den Hof! Bereits am gleichen Tag besucht er sie zu Hause, und als eine Freundin von Carla später dazu kommt, erzählt Carla stolz, dass der gut aussehende und offenbar wohlhabende Südamerikaner um ihre Hand angehalten hat. Plötzlich hat sie eine ganz neue Perspektive in ihrem Leben! Plötzlich passiert etwas. Juan Carlos will die Grönländerin mit nach Südamerika nehmen, er will dafür sorgen, dass die kleine Natuk auf gute Schulen kommt und im Kreis seiner gut betuchten Familie in Venezuela aufwächst.

Carla ist begeistert, auch wenn ihre Freunde die Augenbrauen heben und dem Südamerikaner kein Wort glauben. Auch Carlas Mutter ist entsetzt, kann aber nichts tun.


Bereits eine Woche später - am 6. September - heiraten Carla und Juan Carlos. Als Hochzeitsgeschenk drückt er ihr 400 Kronen, also ca. 50 Euro, in die Hand. Dann verzieht er sich zu seinen schwulen Freunden und verbringt die Nacht bei ihnen. Am nächsten Tag lässt er sich sofort einen neuen Pass ausstellen. Er hat den Nachnamen seiner Frau angenommen und nennt sich nun Juan Carlos Carlsen.


Alle in Carlas Umgangskreis sind sich sicher, dass der Südamerikaner sie nur geheiratet hat, um eine Aufenthaltsgenehmigung in Dänemark zu bekommen, und um auch seinen Namen ändern zu können. Aber die verliebte Carla will nichts Schlechtes über ihren Ehemann denken - und fliegt mit ihm und Töchterchen Natuk nach Dänemark! Es soll eine Hochzeitsreise geben, Juan Carlos hat dafür bereits ein Ferienhaus auf Fanö gebucht!

Carla verabschiedet sich von Familie und Freunden. Es wird eine Reise in den Tod.

Was in den Tagen danach genau passierte, ist unklar.


Fest steht jedoch, dass Carla, Juan Carlos und Natuk am 9. Oktober in ihrem Ferienhaus ankommen sind. Am 11. Oktober wird er beobachtet, wie er im Sand nahe des Hauses ein Loch gräbt. Die Nachbarn denken sich jedoch nichts dabei. Am 12. Oktober fliegt Juan Carlos über Grönland nach Kanada.

Hier könnte die Geschichte enden, wenn nicht Carlas Familie verzweifelt nach ihr und dem Mädechen gesucht hätten - und wenn nicht eines Tages die Hand der kleinen Natuk aus dem Sand geschaut hätte.

Die dänische Polizei macht sich sofort auf die Suche nach Juan Carlos Carlsen, Interpol wird eingeschaltet, und später hilft auch das FBI.

Ein Fingerabdruck, der in dem verlassenem Ferienhaus sicher gestellt werden konnte, leistet dabei große Hilfe. Denn der Fingerabdruck ist in den Datenbänken dieser Welt gespeichert!

So haben die kanadischen Einwanderungsbehörden einen Mann zurückgehalten, der ohne Papiere einreisen wollte und zu dem der Fingerabdruck passt. Als man ihm nichts nachweisen konnte und er deshalb frei kam, reiste dieser Mann weiter nach New York. Hier hieß er plötzlich James Kennedy, aber als er dort einmal ein Auto mieten wollte und dafür einen Fingerabdruck abgeben muss, schnappt die Falle zu.

Juan Carlos Carlsen wird festgenommen und nach Dänemark ausgeliefert.

Allerdings heißt er inzwischen gar nicht mehr Juan Carlos Carlsen, auch aus Venezuela stammt er nicht mehr. Er heißt auch nicht mehr Kennedy und er ist auch kein US-Bürger.
Die FBI-Nachforschungen haben ergeben: Der Mann heißt Sanjay Sharma und kommt aus Indien.

Sanjay hatte mehrere Identitäten und mehrere gefälschte Pässe, er war in nur einem Jahr durch halbe Welt gereist. Er war in Bangladesh, Indien, Jamaica. Brasilien, Österreich, Deutschland, Dänemark, Grönland, Kanada und den USA gewesen.

Sanjay war ein Mörder auf Reisen, der bei seinen Stopps die Frauen nur benützte, um sich zu bereichern oder um einen neuen Namen zu bekommen.


Sein erstes Opfer war eine Frau in New York. Die beiden heirateten und bekamen ein Kind, aber als er immer gewalttätiger wurde, trennte sie sich von ihm. Sanjay reiste zurück nach Indien und heiratete dort die indische Stewardess Razi, obwohl ihre Eltern absolut dagegen waren. Er forderte die Mitgift ein und wollte immer mehr Geld von Razis Eltern haben. Als sie sich weigerten, mehr zu bezahlen, bekam Razi Angst. Immer wieder klagte sie bei ihren Eltern, war aber ihrem Mann machtlos ausgeliefert. Der nahm eine Lebensversicherung auf und brachte Razi zu seiner Mutter. Plötzlich - von einem Tag zum anderen - flog er mit Razi nach Österreich. Für Razis Eltern ist es bis heute ein Rätsel, warum sie mit ihm in das ferne Land mitflog, sie nehmen an, dass er sie mit Tabletten gefügig gemacht hatte.


Razi sah nicht viel von den österreichischen Bergen. Das Paar wohnte bei Sanjays Schwester, die sich in Insbruck niedergelasen hatte. An einem Tag, als Razi und Sanjay alleine waren, starb sie. Man fand sie tot in der Badewanne - neben ihr im Wasser lag ein Haartrockner. Die österreischische Polizei ließ Sanjay laufen, aber als er zurück nach Indien kam, wurde er festgenommen.

Das indische Gesetz verlangt, dass die Polizei IMMER Nachforschungen anstellen muss, wenn eine Ehefrau in den ersten sieben Jahren der Ehe stirbt. Damit will man verhindern, dass Ehemänner ihre Frauen töten, nachdem sie die Mitgift einkassiert haben.

Sanjay saß eineinhalb Jahre in U-Haft, dann gelang es ihm, zwei Polizisten zu bestechen und Indien zu verlassen.
In den Monaten nach seiner Flucht steht sein Name auf der Liste der "Indias most wanted".


Davon hatte man natürlich weder in Dänemark noch auf Grönland die geringste Ahnung. Als die naive Carla Clasen den Inder kennen lernt, hatte sie einen Mörder auf Reisen getroffen. Aber sie wusste es nicht.


Sanjay Sharma wurde im Juni 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Er hat inzwischen einige Male versucht, aus dem Gefängnis auszubrechen und auch eine dänische Freundin gefunden, die ihn fleißig besucht.


Ganz ist der Fall "Sanjay Sharma" jedoch nicht geklärt. Woher stammte das Geld, das er für seine vielen Reisen brauchte? Woher kamen die Pässe und die unterschiedlichen Namen? Er flüchtete im März aus Indien, und kam im August in Grönland an. Dazwischen liegt eine lange Reise, von was hat er gelebt, gab es noch andere bisher unbekannte Opfer?

Auch das FBI hat darauf keine Antworten finden können.


Carla Clasen, sein letztes Opfer






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