04.07.08

Ghazala Khan und ihre Leidensgenossinnen - kein Pardon für Ehrenmord


Ehrenmorde - immer wieder geistert dieser Begriff durch die Justiz und die Presse. Junge Frauen sterben auf dem Altar einer Ehre, die für Außenstehende kaum nachzuvollziehen ist.
Die Zeitung "Berlingske Tidende" hat - weil nun wieder ein trauriger Fall bekannt geworden ist - die bekanntesten Fälle aufgelistet.

Foto oben:

Links: Rahila aus Norwegen - sie wurde in Pakistan getötet. Angeblich bei einem Autounfall

Mitte Oben: Fadime Sahindal aus Schweden, ihr Vater hat sie in Schweden erschossen, weil ihr Freund von der Familie nicht akzeptiert wurde.

Mitte Unten: Sonya aus Præstø in Dänemark, sie wurde nur 14 Jahre alt. Man fand sie im Hafenbecken. Der Vater hat die Tat gestanden

Rechts: Ghazala Khan. Sie wurde auf offener Straße in Dänemark erschossen. Der Fall schrieb Rechtsgeschichte, weil zum ersten Mal alle Beteiligten verurteilt wurden und das eindeutiges Signal sendete: Kein Pardon für Ehrenmorde!


Ghazala und Emal Khan -
Romeo und Julia der Neuzeit

Sie war erst 19 Jahre alt, als sie vor dem Bahnhof der dänischen Kleinstadt Slagelse starb. Sie verblutete, erschossen mit einer Smith & Wesson von ihrem eigenem Bruder. Neben ihr lag Emal Khan (29), die Liebe ihres Lebens. Auch er blutete, von mehreren Schüssen verletzt. Aber er überlebte das Attentat. Ihre letzten Worte galten ihrem Mörder. "Bruder, was tust du?"

Ghazala stammte aus Pakistan, war aber in Dänemark aufgewachsen.
Während ihrer ganzen Kindheit und Jugend reiste sie immer wieder zu den Großeltern nach Islamabad. Bei einem dieser Flüge lernte sie rein zufällig Emal Khan kennen. Der junge Mann stammte aus Afghanistan und war zehn Jahre älter als sie. Die beiden verliebten sich stürmisch, schickten sich unzählige SMS und Berge von Emails.

Eines Tages vertraute sich Ghazala ihrer Mutter an, aber die hatte für die jugenliche Liebe ihrer Tochter nicht das geringste Verständnis. In Ghazalas Familie war es üblich, dass die Eltern die Ehepartner der Kinder wählten. Der Bräutigam für Ghazala war längst gefunden. Ghazala - so die Mutter - sollte Emal so schnell wie möglich vergessen.

Ghazala konnte jedoch nicht vergessen. Nach zwei Jahren geheimer Liebe liefen Ghazala und Emal am 5. September 2005 von Zuhause fort. Zwei Wochen lang irrten sie durch Dänemark, wohnten mal hier und mal dort und hatten ständig Angst um ihr Leben. Voller Hoffnung gingen sie zur dänischen Polizei, aber niemand konnte oder wollte ihnen dort helfen. Eine konkrete Gefahr schien nicht zu bestehen, niemand hatte einen Anschlag verübt. Ghazala und Emal hatten nur Angst, und das reichte nicht aus für Verhaftungen, Personenschutz oder einstweiligen Verfügungen.

In seiner Verzweiflung suchte das Paar sogar Hilfe in einer kleinen dänischen Kirche. Ein Kirchenmitarbeiter fand das Pärchen am Nachmittag des 23. September zwischen den Bänken. "Sie baten um Asyl, aber ich hatte nicht die Vollmacht, sie ihnen zu geben. Ich zeigte ihnen ein billiges Motel. Sie baten noch darum, in der Kirche getraut zu werden. Ich riet ihnen, aufs Standesamt zu gehen, weil in der Kirche niemand mehr da war, der hätte helfen können."

Das Paar befolgte die Ratschläge des Kirchendieners brav. Es mietete ein preiswertes Zimmer, zwei Tage später ließ es sich im Rathaus von Middelfart trauen.

Zwei Tage waren Ghazal und Emal verheiratet - dann hatte ihre Familie das Paar gefunden. Ghazala und Emal hatten genug von der Flucht, eine Tante versprach ein Versöhnungstreffen und das Pärchen willigte hoffnungsvoll ein.
Als Ghazala und Emal schließlich vor dem Bahnhof von Slagelse zum Treffen gingen, wurden sie von einem Auto langsam verfolgt. In dem Auto saßen Ghazalas Bruder, ihr Vetter und zwei Freunde. Der Bruder stieg aus und ging zu Ghazala. Wenige Sekunden später war Ghazala tot.

Emal, der den Anschlag überlebte, war später vor Gericht einer der wichtigsten Zeugen.

"Der Mann nahm mich an der Hand, und dann nahm er Ghazala an der Hand. Er sagte, dass wir mitkommen sollen. Es ging alles ganz schnell, wir konnten nicht reagieren. Plötzlich zog er den Revolver und schoss. Ghazala sagte: 'Bruder, was tust du?' Erst da begriff ich, dass es Ghazalas Bruder war."




Ein junger Mann wurde Zeuge und machte zufällig mit seinem Handy ein Foto von dem Mord. Als der Bruder später behauptete, er hätte aus Notwehr geschossen, war das Foto eines der wichtigsten Gegenbeweise.


Auch dank einer Kronzeugin, die über die familiären Diskussionen bei der Staatsanwalt aussagte, konnten neun Familienmitglieder verhaftet und am Ende auch verurteilt werden. Staatsanwalt Jörgen Jensen in seinem Plädoyer: "Der Bruder hätte niemals seine Schwester erschießen können, wenn diese Tat nicht von der Familie akzeptiert worden wäre. Der Vater hat zu seinen Söhnen gesagt, dass seine Ehre gekränkt ist. 'Ihr müsst etwas tun. Sie muss sterben. Es war eine kalte und zynische Hinrichtung."


In den Wochen, in denen Ghazala und Emal untergetaucht waren, fand eine regelrechte Jagd auf das junge Paar statt - eine Jagd, an der die ganze Familie beteiligt war. Am Ende war es eine Tante, zu der Ghazala Vertrauen hatte, die Ghazala aus ihrem Versteck lockte.


Die neun beteiligten Personen und die Urteile:


Akhtar Abbas (30) - der ältere Bruder, er wohnte seit 1986 in Dänemark. Er hat insgesamt sechs Mal geschossen. Mit zwei Schüssen wurde Ghazala schwer verletzt, mit zwei Schüssen wurde Emal verletzt. Er bekam 16 Jahre Gefängnis


Ghulam Abbas (56) - der Vater. Er lebt seit 1970 in Dänemark und arbeitete als Taxifahrer. Er bekam lebenslänglich.


Perveen Khan (40) - die Tante. Sie hatte das "Versöhnungstreffen" vorgeschlagen und auf diese Art das Paar aus seinem Versteck gelockt. Sie bekam 14 Jahre und wird aus Dänemark ausgewiesen.


Wallayat Khan (46) - ein Onkel, seit 1987 in Dänemark. Er suchte das Paar überall, 16 Jahre Gefängnis


Asghar Ali 1 (42), ein Onkel, Taxifahrer und in Dänemark seit 1987. Er plante die Durchführung des Mordes. 16 Jahre Haft.


Asghar Ali 2 (31), ebefalls ein Onkel, in Dänemark seit 2001. Er fuhr den Täter zum Tatort und gab nach dem Mord damit an. 14 Jahre Haft und Ausweisung.


Naweed Sharif (30), ein Bekannter, fuhr den Täter während der Suche ebenfalls von Ort zu Ort, 8 Jahre Haft


Anser Iqbal (45), ein Freund der Familie, er half der Tante, das Versöhnungstreffen zu organisieren. 10 Jahre Haft.


Ghulam Ahmed (36), ein Freund der Familie, in Dänemark seit 1987, fuhr mit dem Täter zum Tatort. 10 Jahre Haft und Ausweisung.


Die Urteile sorgten weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen. Die neun Verurteilten gingen in Berufung, aber auch das Höchste Gericht Dänemarks hielt ein Jahr später an den strengen Urteilen fest.


Die Liebesgeschichte von Ghazala und Emal soll verfilmt werden, der dänische Filmemacher Anders Rønnow Klarlund arbeitet bereits an dem Projekt.

29.06.08

Das vermeintliche Paradies -


In Odsherred auf der Insel Seeland sieht Dänemark so aus, wie sich das Land in Brochuren der Fremdenverkehrsämter gerne selbst darstellt. Es gibt Meer und Dünen, Heidepflanzen, weiße Strände, Boote, kleine Dörfer, hübsche Backsteinkirchen, bunte Ferienhäuser und abgelegene idyllische Höfe.

Aber nicht alles ist so idyllisch, wie es nach außen wirkt. In einem dieser Höfe haben sich Anfang der 80er Jahre schreckliche Dramen abgespielt, und am Ende griffen zwei junge Frauen zum Gewehr und töteten ihren Peiniger.

Niels Frederik Jørgensen war Anfang 40, als die Geschichte begann. Er hatte bereits fünf Kinder mit fünf verschiedenen Frauen. Sein Leben war immer voller Aufruhr gewesen, zeitweise zog er als Gaukler durch die Lande, zeitweise handelte er mit Antiquitäten, dann wurde er schließlich Mitglied einer Rockergruppe.

Ende der 70er Jahre zog er in Asnaes in einen alten Bauernhof, sein Sohn Michael und dessen Familie waren auch dabei. Mit von der Partie war außerdem Jytte L., die junge Frau von Niels Frederik. Die Großfamilie teilte sich drei Zimmer, viel Platz gab es in dem Häuschen nicht.
1981 gründete NFJ, wie er von seinen Freunden genannt wurde, schließlich die Rockergruppe „Gypsie“ und involvierte sich in einem lokalen Mini-Rockerkrieg.

Der Bauernhof wurde zu einer Rockerburg umgebaut, der Zaun war mannshoch, Hunde bewachten den Ausgang, in der Nacht gingen Rockerfreunde Patrouille. Kurz darauf zog auch Mette – Jyttes kleine Schwester – mit in die „Burg“. Niels Frederik J. war nun ein gefürchteter Rockerboss mit zwei jungen Frauen und einem Sohn, der alles tat, um "the big Boss" das Wasser reichen zu können.

NFJ war außerordentlich medienbewusst, was Anfang der 80er Jahre noch eher unüblich war. So ließ er sich gerne und deutlich stolz mit den beiden jungen Schwestern fotografieren, und in einem Interview mit der dänischen Zeitung „Ekstra Bladet“ schwärmte er geradezu von dem Leben, das er führte.

„Ich habe den Traum aller Männer verwirklicht. Stell dir vor: Ich habe zwei Frauen! Ich brauche keine Seitensprünge mehr. Und ich behandle die beiden anständig! Nur drei Mal im Jahr gibt es Ärger, nämlich dann, wenn beide mit mir Sex haben wollen! Gruppensex ist bei uns nicht drinnen. Ich behandle beide gleich, und auf Partys geh ich z.B. nur, wenn beide eingeladen sind.“

Jytte und Mette lächelten dazu freundlich in die Kamera, auf einem Foto legt eine der beiden sogar liebevoll den Arm um ihren Mann.




In diesem Männerparadies kamen kurz darauf zwei Kinder zur Welt, sowohl Jytte als auch Mette wurden Mutter.

Wie es eigentlich hinter den Mauern des alten Hauses aussah und zuging, erfuhr man erst nach dem 15. Januar 1985. An diesem Tag gingen die paradiesischen Zustände brutal zu Ende!

Jytte erschoss NFJ aus nächster Nähe mit einem Jagdgewehr. Sie schoss drei Mal und traf ihn am Kopf und direkt im Herzen. Um zehn Uhr morgens meldete sie den Mord bei der Polizei, die beiden Schwestern wurden umgehend verhaftet.

In den wenigen Minuten bis zur Ankunft der Polizei flippte NFJs Sohn Michael völlig aus. Einige Jahre später berichtete er Ekstra Bladet: „Ich hörte die Schüsse und lief in sein Zimmer. Er war vollkommen zerfetzt, ich kniete mich nieder und trank sein Blut. Ich hatte das Gefühl, dass er dadurch ein Teil von mir wird.“

Vor Gericht wurde schließlich der Umfang des Leidens bekannt, das die beiden jungen Frauen durchlebt hatten.

Es gab endlose Geschichten von Misshandlungen und zahlreiche Zeugen, die die Horrorerlebnisse vor Gericht bestätigen konnten. Jytte und Mette waren froh, endlich reden zu können, aber über die schrecklichsten Erlebnisse konnten Jytte und Mette nur zögernd und leise berichten.

1983 benützte er Jytte als Einsatz in einem Pokerspiel. Als er verlor, sollte sie mit dem Sieger schlafen. Sie weigerte sich. Alle Rocker, die bei dem Fest dabei war, schlugen und traten nun auf Jytte ein, weil NFJ diese Strafe verlangte. Als Höhepunkt dieser Orgie pinkelte NFJ zusammen mit einem Kumpel auf die am Boden liegende Frau. Als sie davon lief, schoss er nach ihr und benützte sie als lebende Zielscheibe.

Immer wieder drohte er damit, den Frauen die Augen auszustechen, die kleinen Kinder wollte er erschießen.

Als sie hochschwanger waren, schlug er beiden Frauen mit einem Eisenrohr in den Bauch.

Drei Mal in der Woche mussten sie mit ihm schlafen, wenn sie nicht wollten, schlug er sie.

Natürlich fragte auch die Polizei, warum die beiden Frauen nicht einfach davon gelaufen waren. Aber Jytte und Mette hatten nicht den Mut dazu. "Er hat uns immer wieder gedroht, dass er uns finden würde und dass er uns dann das Leben gründlich verderben würde." Angesichts der Tatsache, dass Niels Frederik J. eine ganze Rockergruppe hinter sich hatte, waren diese Ängste auch für die Polizei und später für das Gericht absolut nachvollziehbar.

Sieben Jahre lang erduldeten die Frauen diesen Terror, aber als Jytte das Gefühl hatte, dass er die Kinder wirklich töten wird, nahm sie das Gewehr.

Unmittelbar gestand nur Jytte den Mord, und Mette konnte wieder nach Hause zu den Kindern. Aber als die technischen Untersuchungen zeigten, dass es einen vierten Schuss gegeben hatte und dass beide Frauen das Gewehr in der Hand gehabt hatten, kam die ganze Wahrheit ans Tageslicht und auch Mette gestand nun den Mord.

„Ich hörte die Schüsse und lief hinein, Jytte erzählte mir, dass sie ihn getötet hatte. Ich nahm das Gewehr und schoss auch auf ihn, sie sollte nicht allein die Verantwortung tragen.“

Die Staatsanwaltschaft forderte die Höchststrafe, die Verteidiger verwiesen jedoch auf den Paragraf 85. Dieser Paragraf ermöglicht Strafnachlass, wenn die Tat unter besonderen Umständen stattgefunden hat.

Das Schwurgericht schrieb Rechtsgeschichte! Zum ersten Mal in der Geschichte Dänemarks wurde der Paragraf 85 in einem Mordfall angewandt. Jytte und Mette wurden zwar schuldig befunden, konnten aber als freie Frauen den Gerichtssaal verlassen. Die Geschworenen hatten nur zwei Stunden gebraucht, um dieses Urteil zu fällen. Es heißt, dass einige der Geschworenen weinten, als Jytte und Mette begriffen, dass sie nun frei waren.

Seit dem Mord leben beide Frauen zurückgezogen irgendwo in Dänemark.