19.07.08

Die Monster von nebenan - Baneheias doppelter Kindermord

Das Posting über den schrecklichen doppelten Kindermord von Baneheia ist nun abgeschlossen.

Ganz wichtig ist mir jedoch noch folgender Hinweis:

Die Mutter von Stine Sofie hat nach den Morden eine inzwischen sehr erfolgreiche Stiftung ins Leben gerufen: "Stine-Sofie-Stiftung". Die Stiftung hilft Angehörigen, die ihre Kinder verloren haben, will aber auch das Bewusstsein der Gesellschaft verändern. Kein Mensch sollte vor Gewalt gegen Kinder die Augen schließen. Die Web-Site der Stiftung ist auch auf Englisch.


Ada Austegard, die Mutter von Stine Sofie und Mitarbeiterin der Stiftung, kämpft auch gegen geringe Strafmaße bei Verbrechen an Kindern. Als sie hörte, dass Jan Helge Andersen - einer der Mörder ihrer Tochter - bereits Freigang bekommen kann, wollte sie dagegen klagen. Die Klage wurde jedoch im Juni 2008 in zweiter Instanz abgewiesen. Opferangehörige haben auf diesem Gebiet kein Mitspracherecht, war die Begründung.

18.07.08

Crime-Telegramm / Schwedischer Serientäter gesteht


Der Schwede Anders Eklund hat sich am Freitag vor Gericht schuldig bekannt, im April die 10-jährige Engla Höglund und im Jahr 2000 Pernilla Hellgren ermordet zu haben. Pernilla Hellgren war 31 Jahre alt. Eklund hat also ein Kind und eine Frau im Abstand von acht Jahren ermordet.

Engla verschwand im April auf dem Nachhauseweg. Sie musste durch ein Waldgebiet radeln und rief ihre Mutter über Handy an, als sie losfuhr. Die Mutter stand dann vor dem Haus und wartete - Engla kam nie an! Tagelang wurde nach Engla gesucht. Dann wurde Eklund festgenommen, er führte die Polizei zur Leiche. Englas misshandelter Körper hatte acht Tage ganz offen auf einem Sandweg in der Nähe von Eklunds Haus gelegen.


Die Zeitung "Aftonbladet" hat über die Suche nach Engla und die Verhaftung ein 4-Minuten-Video zusammengeschnitten, und auch wenn man Schwedisch nicht verstehen sollte, so spürt man doch die Panik, die Angst und die abschließende Trauer der Betroffenen.

Der Prozess gegen Eklund kann nun nach der offiziellen Anklageerhebung und seinem Geständnis zügig vorangehen. Ich werde hier im Blog ausführlich über die Fälle Engla und Pernilla berichten, wenn die Fälle mit einem Urteil abgeschlossen sind.


Eklund steht auch unter Verdacht, weitere Verbrechen begangen zu haben.


Die schwedische Polizei hat nun ein Video veröffentlicht, das im April entstand. Es wurde während des Verhörs aufgenommen und zeigt die Minuten, in denen Eklund gesteht, Engla und Pernilla ermordet zu haben.





15.07.08

Die Monster von nebenan - Baneheias doppelter Kindermord


Die Zeitung "VG" nach der Verhaftung der Täter "Verhaftet"






Es gibt Taten, die so schrecklich sind, dass sie jede Vorstellungskraft sprengen. Die Kindermorde von Baneheia gehören zu dieser Kategorie von Morden.

Selbst FBI-Spezialisten konstatierten, dass sie noch nie von einem auch nur ähnlich gelagerten Fall gehört hatten. Zwei junge Männer - beide zwar Sonderlinge und einer von ihnen auch pädophil veranlagt, aber trotz allem bisher kriminell unauffällig - wurden quasi über Nacht zu regelrechten Ungeheuern. Ehrlich fassungslos sagte ein Polizist nach den Verhaftungen: "Als wir den Mörder suchten, dachten wir an ein Monster. Und dann waren es diese Jungen!"




Die Kindermorde von Baneheia

Der 19. Mai 2000 war einer jener Tage, die in Norwegen eher selten sind. Die Sonne schien und war so intensiv, dass man sich im südnorwegischen Kristiansand fast wie am Mittelmeer fühlen konnte. Der Strand - übrigend der einzige in einer Stadt liegende Strand ganz Norwegens - war voller Sonnenanbeter. Und auch in den kleinen Badeseen - 1. Stampe, 2. Stampe und 3. Stampe - im Kristiansand-Stadtteil Baneheia plantschten die Menschen. Es war lange hell und viele hatten frei. Am 17. Mai hatten die Norweger ihren Nationalfeiertag gefeiert, und zwar mit ihrer ganz besonderen Tradition: Kinder waren wie jedes Jahr winkend am Schloss vorbeigezogen. Nationalfeiertag auf norwegisch ist gleichzeitig der große Kinderfesttag. Am 18. Mai und am 19. Mai hatten viele Norweger freigenommen, und auch die beiden Mädchen Lena Sløgedal Paulsen (10) und Stine Sofie Sørstrønen (8) freuten sich über einen Mini-Urlaub. Sie waren das, was man in Norwegen "Ferienfreundinnen" nennt. Beide Mädchen lebten weit von einander entfernt nach der Scheidung ihrer Eltern bei ihren Müttern. Die Väter der Kinder waren befreundet und wohnten im gleichen Haus.
Lena und Stine trafen sich, wenn sie ihre Väter besuchten. Das passierte oft und regelmäßig und beide verbrachten viel Zeit zusammen. Stine war am 10. Mai acht Jahre alt geworden, Lene hatte am 14. Mai ihren zehnten Geburtstag gefeiert.

Stine hatte zu ihrem Geburtstag Rollschuhe bekommen. Nun freute sie sich darauf, mit ihrem Vater mal richtig Rollschuh laufen zu können!

Am Freitag Abend schien um 18.30 Uhr immer noch die Sonne. Lene und Stine wollten noch einmal ganz kurz zu einem der vier Badeseen ganz in der Nähe. Der Wald, der die Seen umgibt, war voll mit Spaziergängern, Polizisten auf Fahrrädern patrouillierten regelmäßig, und im Sommer dürfen Kinder in Skandinavien an den hellen Abenden generell länger draußen bleiben.
Die Mädchen durften weg, versprachen aber, gleich wieder nach Hause zu kommen. Dann wollten sie mit den Vätern noch Rollschuh laufen.

Lena und Stine stürmten lachend aus dem Haus, in einer Tasche hatten sie eine Flasche Limo und ihre Badesachen.

Ihre Väter sollten sie nie mehr wieder sehen.

Ca. 1 km Luftlinie entfernt - auf der anderen Seite der Baneheia-Wälder, lebten die beiden jungen Männer Viggo Kristiansen (21) und Jan Helge Andersen (19). Beide hatten noch nie eine Freundin gehabt, und obwohl sie wie stattliche junge Männer aussahen, wirkten sie vom Wesen her eher kindlich. "Sie waren nur äußerlich erwachsen geworden", sagte später ein Bekannter. Sie hatten sich ganz in der Nähe eine Art "Höhle" gebaut. Jan galt als schüchtern und sehr zurückhaltend - wenn er jemanden traf, schaute er auf den Boden. Viggo wirkte dagegen wie eine Zeitbombe. Ein falsches Wort konnte dazu führen, dass er explodierte. Einige Nachbarn hatten regelrecht Angst vor Viggo, der einerseits sehr groß und stark und andererseits kindisch-unberechenbar war. Später sollte eine Untersuchung zeigen, dass Viggo einen sehr niedrigen IQ hat. Mit einem IQ-Wert von 83 kann er als "leicht zurückgeblieben" eingestuft werden.

Trotzdem lagen weder Viggo noch Jan auf der faulen Haut. Beide arbeiteten. Viggo war bei der Müllabfuhr und begann dann eine Bäckerlehre, Jan arbeitete als Abwascher auf einer Fähre.

Eine merkwürdige Freundschaft verband den explosiven Viggo mit dem stillen Jan, in ihrer Freizeit hingen sie immer zusammen herum, und auch am 19. Mai trafen sie sich im Park.






Baneheia in Kristiansand, einmal in Google-Earth (oben)


und einmal ein Foto aus Aftenposten/Oslo vom Mai 2000 (unten), aus einer Zeit, als die Täter noch nicht bekannt waren


Als Stine und Lena nach einer Stunde nicht nach Hause kamen, machte sich Stines Vater schön langsam Sorgen. Bereits um 19.30 Uhr wollte er seine Tochter und ihre Freundin an den Badeteichen besuchen, fand die beiden Mädchen aber nicht. Nervös ging er hin und her und rief nach ihnen.

Später sollte sich herausstellen, dass er zu einem Zeitpunkt nur wenige Meter von den Mädchen entfernt war. Sie kämpften hinter dem Gebüsch um ihr Leben, während der besorgte Vater nach ihnen Ausschau hielt.


Als er sie nicht fand, alarmierte er seinen Freund, Lenas Vater. Er war in der Stadt unterwegs, kam aber sofort zurück, als er hörte, was los war. Nun suchten sie gemeinsam nach den Mädchen. Die Suche wurde immer hektischer, die Rufe wurden immer nervöser. Aber Lena und Stine blieben verschwunden. Sie alarmierten die Polizei und in den Redaktionen der norwegischen Zeitungen tickerte am Freitag Abend die Nachricht ein, dass zwei Kinder beim Baden verschwunden waren


VG am Samstag nach dem Verschwinden der Kinder: "Mutter fürchtet eine kriminelle Tat"

Man suchte die ganze Nacht zum Samstag, man suchte am Samstag und man suchte am Sonntag. Keiner konnte zu diesem Zeitpunkt noch daran glauben, dass sich die Kinder nur verlaufen hatten oder vielleicht Freundinnen besucht hatten. Die Polizei und auch die Familien fürchteten das Schlimmste.

Am Sonntag um 17 Uhr fand man schließlich die Tasche der Kinder mit ihren nassen Badeanzügen, dann fand man noch die Trinkflasche der Kinder, und um 20.37 fand man schließlich ihre Leichen. Sie lagen versteckt hinter Gebüsch in der Nähe des kleineren Badeweiers, der "2. Stampe" genannt wird.

Die Krimanalpolizei aus Oslo wurde eingeschaltet. In den ersten Tagen suchte die Polizei offensichtlich nach einem Einzeltäter, obwohl einiges an dem Fall von Anfang an merkwürdig erschien. Beide Mädchen waren sexuell missbraucht worden, beide Mädchen waren misshandelt und am Ende erstochen worden. Aber keines der Mädchen war gefesselt gewesen. Warum hatte das zweite Opfer nur gewartet und war nicht davon gelaufen? Warum hatte es nicht um Hilfe geschrieen? Wie hatte ein einzelner Mörder so viel Macht über zwei Kinder gleichzeitig haben können?

Die Spezialisten der Kripo hatten wahrscheinlich von Anfang an den Verdacht, dass es sich um zwei Täter handeln musste, aber es wirkte absurd, dass hier - im beschaulichen Kristiansand - gleich zwei Monster unterwegs sein sollten.

Am 30. Mai - gut eine Woche nach dem Doppelmord - war klar, dass dieser unvorstellbare Fall eingetreten war. Zwei Männer hatten gemeinsam diese Tat begangen. Dafür sprach nicht nur der Tathergang, die Theorie wurde auch durch andere Punkte gestützt. Mehrere Kinder hatten berichtet, dass sie immer mal wieder von zwei jungen Männern belästigt worden waren. Eine Joggerin hatte außerdem um 18.30 Uhr zwei Männer dabei beobachtet, wie sie mit zwei Mädchen sprachen.

Gerichtsmediziner untersuchten die Leichen auch nach DNA. Die Methode war im Jahr 2000 noch relativ neu, die Auswertungen der Proben dauerte immer noch einige Wochen. Die Methode war damals noch so neu, dass die Zeitungen ihren Lesern genau erklärte, was eine DNA-Probe ist und was man daran erkennen kann!

Gleichzeitig wurden Dutzende von Zeugen verhört, Männern, die in der Umgebung lebten, wurden DNA-Proben abgenommen. Am 25. Mai hatte die Polizei bereits 500 Hinweise gesammelt und 850 Personen verhört. Am 9. Juni versprach ein wohlhabender Anwohner sogar 1 Million Kronen für sachdienliche Hinweise, eine Summe, die heute ungefähr 125.000 Euro wären. Die Polizei ertrank anschließend regelrecht in Hinweisen. Eine Verhaftung gab es jedoch nicht!


Der Durchbruch kam erst ein Vierteljahr nach den Morden!

Am 1. September entschloss sich die Polizei dazu, Speichelproben von 30 Männern, die kein Alibi nachweisen konnten, analysieren zu lassen. Schon 13 Tage später standen die Täter fest: Jan Helge Andersen (19) und Viggo Kristiansen (21) hatten Speichelproben abgegeben, und ihre DNA stimmte mit der DNA, die bei den beiden Leichen gefunden worden waren, überein. Da DNA-Tests damals noch nicht so bekannt waren, hatten beide ohne Bedenken Speichelproben abgeliefert, als sie von Polizisten darum gebeten wurden.

Jan Helge Andersen gestand die Morde nach einem langen Verhör. Viggo habe die Idee gehabt, er habe mitgemacht. Viggo Kristiansen wies jedoch jede Schuld von sich. Er behauptete, mit den Morden nicht das geringste zu tun zu haben. Auch der DNA-Beweis konnte ihn da nicht erschüttern. Auch beim Prozess im April 2001 hielt Viggo Kristiansen an seiner Unschuld fest. Bis heute behauptet er, die Kinder nicht getötet zu haben.

Dabei konnte ihm während der Nachforschungen nachgewiesen werden, dass er bereits seit Jahren Kinder missbrauchte. Ein Mädchen und ein Junge - beide jünger als zehn Jahre alt - waren Viggos Opfer gewesen. An dem Tag, an dem er zusammen mit seinem Freund Jan Helge Andersen dann die beiden Mädchen ermordert hatte, war er anschließend nach Hause gegangen. An diesem Abend war er Babysitter für einen kleinen Neffen!

Da Viggo Kristiansen bis heute an seiner Unschuld festhält, liegt bisher nur die Aussage von Jan Helge Andersen vor, der sich selbst auch gerne als Opfer sehen möchte.

Als er vor Gericht seine Aussage machte, war es totenstill im Saal.


Hier einige Auszüge:

"Ich ging zum Schlagbaum und wartete, ob jemand vom Jugendclub vorbeikommt, mit dem ich trainieren könnte. Aber es kam niemand. Dann kam Viggo auf seinem Rad. Viggo hielt an und fragte, ob ich die Wohnungsschlüssel hätte. Er hätte sie vergessen."

Die beiden Freunde gingen dann zu einem nahen Spielplatz, Viggo schob sein Fahrrad. Viggo stellte schließlich sein Fahrrad ab, dann gingen sie hinunter zu dem Badeweiher, der "3. Stampe" heißt. Dort sahen sie zwei Kinder im Wasser. Sie gingen weiter, und auf einmal kamen ihnen die beiden Kinder aus dem Weiher entgegen.


"Viggo blieb stehen und fragte sie, ob sie helfen wollen, ein paar Katzenbabys zu suchen. Ich dachte, er macht einen Witz. Aber die Mädchen wollten suchen helfen. Sie gingen mit uns den Pfad entlang hinein in den Wald. Viggo sprach mit den Mädchen, ich ging hinterher. Ich ging dann etwas abseits, weil ich pinkeln musste. Als ich sie dann wieder eingeholt hatte, hatte Viggo ein Messer in der Hand."

Viggo Kristiansen vergewaltigte Lena, dann stach er drei Mal auf sie ein. Anschließend vergewaltigte er Stine und zwang Jan Helge dazu, sie ebenfalls zu vergewaltigen. "Er drohte damit, mich umzubringen, wenn ich es nicht tun würde. Ich hatte Angst, große Angst." Anschließend erstach Viggo auch die kleine Stine.

Gerichtsmediziner haben später festgestellt, dass die beiden Männer die Mädchen eine Stunde lang misshandelt haben, bevor sie getötet wurden. Andersens Aussage erklärt auch nicht, warum keines der Mädchen laut schrie und warum Stine nicht einfach davon lief, wenn Jan nur unbeteiligt daneben stand. Die Aussage erklärt auch nicht, warum die beiden Männer auf einmal töten wollten und warum Jan Helge, der sowieso etwas abseits ging, nicht selbst einfach davon gelaufen war. Er hätte Hilfe holen können, aber tat nichts und machte am Ende sogar selbst mit. Viggo Kristensen trug sonst nie ein Messer. Hatte er die Morde schon geplant, als er mit Jan in den Wald ging?

Keiner im Saal glaubte deshalb nach dieser Aussage, nun die wirklich die Wahrheit über die Tat zu kennen.

Trotzdem bekam Jan Helge Andersen ein milderes Urteil als sein Mitangeklagter. Offenbar hatte man bei Gericht beschlossen, ihn für seine Bereitschaft mit der Polizei zusammenzuarbeiten, zu belohnen.

Viggo Kristiansen wurde zu 21 Jahren Haft und zehn Jahren Sicherheitsverwahrung verurteilt. Da sein Geisteszustand in dieser Zeit alle fünf Jahre überprüft werden muss, kann er möglicherweise wirklich lebenslänglich hinter Gittern bleiben.


Anders ist es bei Jan Helge Andersen. Er bekam 19 Jahre Gefängnis und kann nach der in Norwegen üblichen Zeit begnadigt werden. Kristiansen ging nach dem Urteil beim Höchsten Gericht in Berufung, da er weiterhin an seiner Unschuld festhielt. Die Berufung wurde jedoch zurückgewiesen und das Urteil wurde bestätigt.




Lena und Stine im Sommer vor den Morden, als sie noch glückliche kleine Mädchen waren.