13.01.09

Das Geiseldrama vom Norrmalmstorg - das "Stockholm-Syndrom" fordert seine ersten Opfer




Die Polizei machte mit einer Minikamera ein Foto im Tresorraum, man sieht die Angst der Geiseln und rechts schaut der berühmt-berüchtigte Gangster Clark Olofsson in die Kamera.















"Norrmalmstorgdramat" - das "Drama vom Norrmalmsplatz". Diesen Ausdruck kennt in Schweden jedes Kind, und das, obwohl dieser Banküberfall mit Geiselnahme bereits über 30 Jahre zurücklegt. Das Geiseldrama brachte Schweden im Sommer 1973 weltweit in die Schlagzeilen. Sogar Ministerpräsident Olof Palme musste damals mit dem Geiselnehmer telefonieren, bis heute ist der Verlauf des Dramas immer wieder Thema im schwedischen Sozialkundeunterricht, Schüler schreiben sogar Aufsätze darüber.
Die Geiselnahme verlief äußerst dramatisch, endete aber vollkommen unblutig.

Die Polizei ließ sich von dem Psychologen Nils Bejerot (1921-1988) beraten, er war während der gesamten Geiselnahme involviert und benützte später, als er das Verhalten der Geiseln analysierte, erstmals den Begriff "Stockholm-Syndrom".
Der Banküberfall war aber auch die erste kriminelle Tat, die von der Presse hautnah verfolgt wurde. Immer wieder gab es Sondermeldungen im schwedischen Fernsehen. Diese Pressenähe hat schon damals Kritik ausgelöst. Das schwedische Fernsehen hat inzwischen die damaligen Sendungen in seinem offenen Archiv zusammen gestellt. Wer will, kann sie sich hier ansehen.

Das Drama Tag für Tag




Die Zentrale der Svenska Kreditbanken am Norrmalmsplatz in Stockholm Fotoquelle




Tag 1 - 23. August 1973:

Ein Mann betritt um 10 Uhr morgens am Stockholmer Norrmalmsplatz die Zentrale der "Svenska Kreditbanken". Er schießt wild in die Decke und ruft: "Jetzt beginnt die Party!" Dann stellt er ein Transisterradio auf einen Tisch und spielt laute Rockmusik. Zu diesen Tönen fesselt er mehrere Frauen, bzw. lässt sie fesseln. Als zwei Polizisten einschreiten wollen, schießt der Mann - ein Polizist wird verletzt. Einige Geiseln kommen frei, aber vier bleiben. Mit ihnen verschanzt er sich in der Bank.

Die Geiseln sind Birgitta Lundblad (31), Elisbeth Oldren (21), Kristin Enmark (23) und Sven Säfström (24). Der Geiselnehmer fordert drei Millionen schwedische Kronen! Außerdem soll der verurteilte Bankräuber Clark Olofsson aus dem Gefängnis freigelassen werden und in Handschellen in die Bank gebracht werden. Ein Krimineller kann nicht einfach zum Schauplatz eines Verbrechens gebracht werden! Der Polizei und der Staatsanwaltschaft waren die Hände gebunden, hier war eine Situation, für die es keine rechtliche Grundlage gab. Die Polizei verhandelte mit der Regierung, die entscheidet schließlich, dass man Clark Olofsson bringen wird. Allerdings will man ihn nicht freilassen, er soll nur in der Nähe sein, falls sich die Situation verschlimmert. Wer der Geiselnehmer ist, weiß die Polizei am Abend noch nicht.

Am späten Nachmittag klingelt im Büro von Ministerpräsident Olof Palme das Telefon. Der Geiselnehmer schreit ins Telefon: "Wenn wir die Bank nicht verlassen können, werden die Geiseln sterben!" Eine der Geiseln schreit im Hintergrund.



Tag 2 - 24. August 1973
Die Geiseln und der Räuber haben gegessen und eine ruhige Nacht verbracht, Clark Olofsson ist aus dem Gefängnis in die Bank gebracht worden. Keiner der Polizisten begreift, was Olofsson mit der Sache eigentlich zu tun hat. Eine Erklärung gibt es weder vom Räuber noch von Olofsson selbst.
Der Bankräuber verlangt in den Vormittagsstunden ein schnelles Fluchtauto, mit dem er, sein Kollege Olofsson und die Geiseln fliehen können.
Über das Telefon der Bank sprechen die Täter mit der Polizei, Olofsson schlägt vor, sich selbst gegen drei andere Häflinge einzutauschen. Den ganzen Tag über wird eifrig verhandelt.
Um 17 Uhr klingelt schließlich wieder das Telefon bei Ministerpräsident Olof Palme.
Dieses Mal ist eine Geisel am Telefon: Kristin Enmark.
Sie ruft ins Telefon: "Palme, du enttäuscht mich wirklich sehr! Mein ganzes Leben war ich Sozialdemokratin, und jetzt schacherst du mit unserem Leben. Könnt ihr uns nicht einfach mit Clark und dem Räuber wegfahren lassen? Ich habe keine Angst vor den beiden, nicht die geringste Angst!" Dieser ungewöhnliche Ausbruch einer jungen Frau, die seit zwei Tagen in den Händen von Kriminellen ist, war das erste Anzeichen dafür, dass sich die Psyche der Geiseln unter der Belastung verändert, dass sie dabei sind, ein Syndrom zu entwickeln, das später als "Stockholm-Syndrom" in die Kriminalgeschichte eingehen wird.
Außerhalb der Bank spielen sich andere Dramen ab. Ein junger Mann taucht auf, seine Schwester Elisabeth Oldgren ist eine der Geiseln. Er will sich selbst gegen seine Schwester eintauschen. Aber der Bankräuber geht auf den Vorschlag nicht ein.

Tag 3 - 25. August 1973
In der Nacht ist etwas seltsames passiert: Der Räuber hat sich mit den Geiseln und mit Clark Olofsson in den Tresorraum der Bank zurückgezogen. Sie haben sich auch Essen und Wasser mitgenommen und selbst quasi in eine Falle gebracht. Denn der Polizei gelingt es, den Tresorraum von außen zu verschließen. Dadurch verschlimmert sich die Situation für die Geiseln dramatisch. Das Wasser geht bald zu Ende, sie kämpfen nun nicht nur mit ihrer Angst, sondern auch gegen ihre Klaustrophie und gegen unerträglichen Durst.
Aber die Polizei hat einen Plan: Sie will ein Loch in den Tresorraum bohren und Gas einströmen lassen, damit Geiseln und Geiselnehmer bewusstlos werden.
Allerdings hat die Polizei die Medien falsch eingeschätzt: Der Rundfunk berichtet über diesen Plan, der Bankräuber zieht Konsequenzen: Er fesselt die Geiseln so, dass sie sich selbst erhängen würden, wenn sie das Bewusstsein verlieren würden.

Tag 4 - 26. August 1973
Die Polizei bohrt weiter an ihrem Loch, über eine Mini-Kamera kann die Polizei sehen, was in dem Tresorraum passiert. Es entsteht ein Foto, das um die Welt geht, ein Bild mit gefesselten Geiseln und einem erstaunten Clark Olofsson, der rein zufällig um die Ecke direkt in die Kamera schaut.

Tag 5 - 27. August 1973
Ein langer qualvoller Tag für die Geiseln, es scheint, als würde diese Geiselnahme nie zu Ende gehen. Durch die gebohrten Löcher in der Decke bekommt die traurige Truppe im Tresorraum Essen und Getränke. Sogar Bier wird hinuntergehisst.

Tag 6 - 28. August 1973
Die Polizei bohrt weiter, immer wieder neue Löcher. Zu einem Zeitpunkt dreht der Bankräuber durch, er schießt durch eines der Löcher und verletzt einen Polizisten an der Hand. Inzwischen glauben nur noch wenige Schweden an ein gutes Ende der Geiselnahme. Die Regierung hat der Polizei sogar ganz offiziell die Genehmigung erteilt, den Geiselnehmer gegebenenfalls zu töten. Auch der Tod der Geiseln und der Tod von Clark Olofsson wird in Betracht gezogen.
Aber es passiert das Unfassbare: Um 21 Uhr strömt Gas in den Tresorraum und Clark Olofsson schreit auf: "Zum Teufel mit dem Gas! Wir ergeben uns!" Der Tresorraum wird geöffnet, die Geiseln werden befreit. Nur Geisel Kristin Enmark machte Probleme, sie will den Tresorraum nicht verlassen, denn sie hat Angst, dass die Polizei den Geiselnehmer und Clark Olofsson erschießen könnte. Aber schließlich lässt sie sich in die Freiheit überreden.

Wenige Minuten später tritt Sven Thorander, der leitende Polizeibeamte, vor die Bank und sagt den einen befreienden Satz: "Es gibt keine Verletzten!" Die zahlreichen Neugierigen, die sich um den Platz versammelt haben, jubeln und klatschen. Abseits des Trubels werden die vier Geiseln mit Ambulanzen ins Krankenhaus gebracht. Sie sind unverletzt, aber geschwächt. Und ihr Leben wird sich für immer verändert haben!


Täter und Opfer und was aus ihnen wurde:


Janne Olsson:
Erst nach der Befreiung erfährt die Polizei, wer der Bankräuber und Geiselnehmer eigentlich ist. Er heißt Janne Olsson. Er hatte Clark Olofsson im Knast kennen gelernt, der carismatische Clark wurde sein Held, sein Idol. Vier Wochen vor der Geiselnahme hatte er versucht, seinen Kumpel aus dem Gefängnis zu befreien - ohne Erfolg.
Janne Olsson war damals 32 Jahre alt, er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt und kam nach acht Jahren frei. Er hat sich nach dem "Drama vom Norrmalmsplatz" nie wieder strafbar gemacht. Er lebt heute in Thailand mit seiner Frau und Familie.


Clark Olofsson:


Er ist bis heute der wohl berühmteste Gangster Schwedens. Clark Olofssons war ein hochbegabtes Kind, er konnte schon als Fünfjähriger lesen und das Alphabet aufsagen. Sein erstes "Verbrechen" war wegweisend für seinen späteren Lebensstil: Er brach als Jugendlicher ins Gewächshaus des Ministerpräsidenten ein und klaute Weintrauben und Tomaten! Er wurde immer wieder wegen kleinerer Vergehen verurteilt. Richtige Schlagzeilen machte er erstmals 1966, als er in einen Polizistenmord verwickelt war (er war allerdings nicht der Täter!), und halb Schweden nach ihm und seinem Freund suchten. Es kam damals zu hollywoodreifen Szenen, als zahlreiche Schweden in ihren Autos losfuhren, um den Polizistenmörder zu suchen.


Nach dem Geiseldrama vom Norrmalmstorg wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt, später jedoch freigesprochen, da seine Teilnahme an der Geiselnahme nicht freiwillig war.


Immer wieder überfiel er Banken, immer wieder flüchtete er aus dem Gefängnis. Er galt als "Gentleman"-Dieb und konnte sich immer auf die Hilfe schöner Frauen verlassen. Auch als er einmal bis nach Frankfurt floh, half ihm dort eine Frau.


1983 zog er nach Belgien, 1991 nahm den Namen Daniel Demuynck an. Einige Zeit lebte er dort ganz glücklich. Ende der 90er Jahre ging er in die Karibik und lebte vom Verleih seines Bootes an Touristen. Aber er kam auch immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, u.a. wurde er einige Male mit Drogen erwischt. 1999 wurde er in Dänemark zu 14 Jahren Haft verurteilt, 2005 kam er frei - um inzwischen schon wieder wegen eines Drogendelikts festgenommen zu sein. Er hat ein Profil unter "MySpace", allerdings war er seit 2007 nicht mehr auf seiner Seite, offenbar fehlt im Moment die Möglichkeit dazu.


Fotos von einst und jetzt in Aftonbladet



Die Geiseln

Kristin Enmark. Sie war damals 23 Jahre alt. Sie kündigte ihren Job bei der Bank und wurde Psychotherapeutin. Sie telefonierte damals mit Olof Palme, der zu ihr ins Telefon sagte: "Wäre es nicht toll, zu sterben, wenn man auf seinem Posten ist?" Die Polizei hat dieses Palme-Zitat aus dem Protokoll entfernt, Kristin Enmark hat es jedoch nie vergessen. "Dieser Satz war ja totaler Schwachsinn". Über das Stockholm-Syndrom sagte sie in einem Interview vor einigen Jahren: "Es ist eine Frage von Macht und Ohnmacht, man ist zusammen eingesperrt." Sie hat sich nach dem Drama einige Male mit den Tätern getroffen, aber befreundet ist sie nicht mit ihnen, obwohl das manchmal so behauptet wurde.

Elisabeth Oldgren. Sie war damals 21 Jahre alt und ebenfalls Bankangestellte. Janne Olsson nahm sie als Schutzschild her, als er wild um sich schoss. Sie hat einen anderen Namen angenommen und lebt zurückgezogen mit ihrer Familie, sie hat sich nie öffentlich über das Geiseldrama geäußert.

Birgitta Rudstand-Lundblad, sie war damals 31 Jahre alt und ebenfalls Bankangestellte. Ihre Töchter waren damals 1 und 2 Jahre alt. Sie litt nach den fünf Schreckenstagen sehr lange unter extremer Müdigkeit. Aber sie blieb weiterhin bei der Bank, als sie 61 war, ging sie in Pension.

Sven Säfström, er war damals 24 Jahre alt, Bankangestellter und der einzige Mann unter den Geiseln. Er arbeitet immer noch in der Bank und lebt zurückgezogen.

Gemeinsam für alle Geiseln war, dass sie keinerlei psychologische Hilfe bekamen, obwohl Psychologen aus aller Welt an ihrem Schicksal interessiert waren und mit ihnen reden wollten. Aber alle waren nur in den Studien des Stockholm-Syndroms interessiert, an Hilfe dachte niemand. Die Bank hat etwas merkwürdig reagiert: Die Geiseln bekamen die Geiselzeit als Überstanden ausbezahlt, außerdem bekam jeder zwei Monate Urlaub. Ansonsten gab es keine Hilfe. Selbst zum Prozess, als sie als Zeugen aussagen mussten, kamen sie alleine.

Ein Interview mit Birgitta Lundblad und Kristin Enmark aus dem Jahr 2003, 30 Jahre nach der Geiselnahme, in Aftonbladet.









1 Kommentar:

  1. Die geiseln bekammen die zeit wohl als “überstunden“ ausgezahlt. Musste leider öfter lesen bis ich wusste was gemeint war, aber kurz und gut erklärt. Danke

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