30.11.09

Catrine da Costa - Justizmord auf Schwedisch



Der Fall "Catrine da Costa" begann Anfang der 80er Jahre und ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Der Mord ist seit ein paar Monaten verjährt, aber Verdächtigungen schwirren bis heute durch die Luft. Zwei Männer - ein Pathologe und ein Allgemeinmediziner - waren zwei Jahrzehnte lang im Fadenkreuz der Polizei. Sie fordern nun 4 Mio. Euro Schmerzensgeld vom schwedischen Staat. Denn inzwischen haben DNA-Analysen - die damals noch nicht möglich waren - gezeigt, dass die beiden Ärzte definitiv unschuldig sind. Besonders erstaunlich ist jedoch, wieso und warum die beiden Ärzte überhaupt unter Verdacht gerieten, und warum es der Polizei nie gelungen ist, den wahren Mörder zu finden.


Catrine da Costa war Schwedin, aber einige Jahre mit einem Portugisen verheiratet. Diesem Mann verdankte sie den exotisch klingenden Namen. Ihr Leben war jedoch alles andere als "exotisch". Sie war drogenabhängig und verdiente ihr Geld für den nächsten Schuss in Stockholm auf der Straße. Ihre beiden Kinder waren längst vom Jugendamt bei Pflegeeltern untergebracht worden. Catrine führte ein Leben am sozialen Abgrund. Pfingsten 1984 verschwand die 27-Jährige. Ein älterer Freund sah sie am 10. Juni 1984 zum letzten Mal.




Am 18. Juli fand man schwarze Plastiksäcke mit Teilen einer Frauenleiche, am 7. August tauchten weitere Säcke auf. Das Opfer war erstochen und anschließend zerstückelt worden. Der Kopf war nicht in den Säcken, und man hat ihn bis heute nicht gefuden. Aber die Fingerabdrücke zeigten, dass es sich um die verschwundene Catrine da Costa handelte.
Schon kurz darauf interessierte sich die Polizei für den Pathologen Teet H. von der Gerichtsmedizin. Bis heute wird er in Schweden als "der Pathologe" bezeichnet. Teets Frau hatte zwei Jahre zuvor Selbstmord begangen, die Polizei hatte an dem Selbstmord gezweifelt, konnte aber nichts Gegenteiliges beweisen. Als man nun die Leichensäcke fand, rief Teets früherer Schwiegervater bei der Polizei an und meldete, dass Teet eine Vorliebe für Prostituierte habe. Der Schwiegervater war davon überzeugt, dass Teet sowohl Catrine als auch zwei Jahre zuvor seine Frau ermordet hatte. Die Polizei hörte sich um, und Catrines "Kolleginnen" bestätigten, dass Teet durchaus zum Kundenkreis gehörte.
Nun kam auch noch Teets Chef und Doktorvater ins Spiel. Jovan Rejs, Leiter der Gerichtsmedizin, erfuhr von der Polizei, dass sein Schützling Prostituierte besuchte und zu den Verdächtigen gehörte. Er reagierte schockiert und mutmaßte, dass Teet durchaus auch andere Frauen ermordet haben könnte. In einem ersten Obduktionsbericht hatte Rejs geschrieben, dass das Opfer von Jemanden zerstückelt sein musste, der "Erfahrungen mit dem Schlachten von Tieren" hatte. Nachdem der Verdacht auf Teet gefallen war, gab es plötzlich einen neuen Obduktionsbericht. Nun hieß es, dass der Täter jemand sein musste, der "Erfahrungen mit Obduktionen" hatte.


Am 3. Dezember 1984 wurde Teet H. festgenommen. Dem Haftrichter reichten die Mutmaßungen der Polizei, des Schwiegervaters und des Chefpathologen jedoch nicht aus. Denn alle Verhöre und Hausdurchsuchungen hatten keine Beweise erbracht. Nur fünf Tage später kam Teet wieder frei. Die Arbeit an seiner Doktorarbeit musste er jedoch einstellen, das gesamte Forschungsmaterial war von der Polizei beschlagnahmt worden.

Wahrscheinlich wäre er aber zumindest ein freier Mann geblieben, wenn sich nicht an einem anderen Ort in Stockholm ein ganz anderes Drama abgespielt hätte.


Eine Arztgattin führte einen bitteren Krieg gegen ihren 30-jährigen Mann Thomas. Immer wieder beschuldigte sie ihn, die kleine gemeinsame Tochter sexuell zu missbrauchen, und das obwohl er inzwischen auf der Insel Gotland lebte. Das Mädchen wurde vier Mal untersucht, aber man konnte keine Übergriffe feststellen. Zufällig waren Thomas - der in Schweden immer als "der Allgemeinmediziner" bezeichnet wird - und der Teet oberflächlich befreundet. Einmal hatten das Pathologen-Ehepaar das Allgemeinmediziner-Ehepaar sogar zum Essen besucht.
Thomas Ehefrau, die ihren Mann eh schon dauernd verdächtigte, rief umgehend bei der Polizei an, als sie erfuhr, dass Teet festgenommen worden war. Ihre "wichtige" Information: "Mein Mann ist mit dem Pathologen befreundet".
Ein Jahr später rief sie erneut bei der Polizei an und berichtete, dass ihr kleine Tochter inzwischen "erschreckende Dinge" erzähle, bei denen auch von "Tet" oder "Pet" die Rede ist. 1986 ging sie erneut zur Polizei. Sie fragte wütend, warum niemand etwas gegen Teet und Thomas unternehmen würde, ihre Tochter würde inzwischen erzählen, dass sie gesehen habe, wie der Papa und der Onkel Blut getrunken hätten und ein Auge gegessen hätten. Das Mädchen wird von Psychologen untersucht und befragt, und 1987 werden die beiden Männer verhaftet.
Im Janr 1988 wird Anklage erhoben. Die Beweise setzen sich aus dem Obduktionsbericht und aus den Aussagen des Kindes zusammen. Ein Kind, das inzwischen vier Jahre alt ist und angeblich von Dingen erzählt, das es als eineinhalb-Jährige gesehen haben will! Und obwohl in Schweden sehr heftig darüber diskutiert wurde, ob ein Gericht der Aussage einer Vierjährigen glauben darf, die drei Jahre vorher etwas gesehen haben will, wurden die beiden Ärzte im März 1988 des Mordes verurteilt!


In der Berufung im Mai des gleichen Jahres entschied die zweite Instanz etwas anders. Die Männer - so das Gericht - hätten Catrine nicht erstochen! Denn man könne nicht ausschließen, dass Catrine eines natürlichen Tod gestorben ist, da einige innere Organe bei den Leichenteilen gefehlt hatten. Allerdings hätten die Ärzte ihre Leiche zerstückelt. Sie seien quasi über die Leiche gestolpert und hätten sich an ihr ausgetobt. Als "Leichenschändung" war der Fall bereits verjährt, Thomas und Teet kamen frei. Die Verjährung hatte jedoch auch eine juristische Schattenseite, die Ärzte konnten gegen dieses Urteil keinen Widerspruch mehr einlegen.
Mit diesem Urteil wurde ihnen außerdem ihre Lizenz entzogen! Sie konnten nicht mehr als Ärzte arbeiten. Teet und Thomas reichten mehrere Klagen ein, aber ohne Erfolg. Dafür wurde vor allem das Leben des Pathologen immer wieder in der Presse und auch vor Gericht ausgeschlachtet, der Selbstmord seiner Frau wurde immer wieder angezweifelt und es wurde sogar spekuliert, dass er auch andere Frauenmorde auf dem Gewissen haben soll.
Im Mai 1991 wurde ihnen ihre ärztliche Lizenz für immer entzogen. Mehrere Autoren und TV-Sender haben sich in regelmäßigen Abständen mit dem Fall beschäftigt. Und für die breite Öffentlichkeit in Schweden und für die Zeitungen stand sowieso fest: Teet und Thomas waren die Mörder! Selbst der öffentlich-rechtliche schwedische TV-Sender SVT stellte Teet 2001 in einer Sendung als mutmaßlichen Serienmörder dar!
2005 schrieb der Vater von Thomas, Dr. Lars-Göran Allgen, in der Tageszeitung Dagens Nyheter einen zwei Seiten langen offenen Brief: "Ich bin Thomas Vater, von jenem Thomas, der in der Presse als "Allgemeinmediziner" bezeichnet wird. Seit fast zwei Jahrzehnten müssen mein Sohn und sein Bekannter gegen die Anschuldigungen in der Presse kämpfen, eine Frau erstochen und zerstückelt zu haben. ... Als die Anschuldigungen wegen Inzest nicht standhielten, kamen stattdessen die Behauptung, dass mein Enkelkind in einem Alter von 17 Monaten etwas gesehen haben soll, was so aussah, als hätte ihr Vater einer Frau in den Rücken gestochen. ... Thomas wurde von einer feindlichen Ex-Ehefrau bei der Polizei angezeigt, sein Mitbeschuldigter von einem feindlich gestimmten Ex-Schwiegervater.
... Ich kann es kaum in Worte fassen, wenn ich beschreiben soll, welche Katastrophe die demütigenden Nachforschungen, Prozesse und Medienberichte für meine Familie, meinen Sohn und uns alle war."
2007 kam dann die endgültige Erlösung für die beiden Ärzte. Neue technische Untersuchungen konnten Fingerabdrücke an der Innerseite der Plastiktüten sichtbar machen. Sie gehörten weder dem Arzt noch dem Pathologen. Auch eine DNA-Spur an der Leiche gehört einem bis heute unbekannten Mann. 2007 teilte die Polizei offiziell mit, dass der Arzt und der Pathologe von jedem Verdacht befreit sind.


Bis heute fragt man sich jedoch in Schweden, warum die Polizei nach dem Mord an Catrine keine anderen Spuren eingehender untersucht hat. So hatte sie zwar kurz einen vorbestraften Mörder im Verhör, ließ ihn aber wieder laufen. Auch andere Spuren wurden nicht verfolgt Warum? Warum hat das Gericht einer Vierjährigen geglaubt? Warum hat Gerichtsmediziner Jovan Rejs so eindeutig Stellung genommen, obwohl er in seinem ersten Obduktionsbericht eher einen Metzger als Täter vermutet hatte? Der Fall ist nun verjährt, die Nachforschungen sind eingestellt. Man wird Catrines Mörder also nicht mehr finden, man sucht ihn ja auch nicht mehr. Nur der Arzt und der Pathologe suchen noch. Sie suchen nach einem Ausgleich für 20 verpfuschte Jahre.



Eine ausführliche Drama-Reportage (aus dem Jahr 2001) über den Fall liegt in elf Teilen auf YouTube, für diejenigen, die Schwedische verstehen, sehr interessantes Film-Material. Die Namen der beiden Ärzte wurden in der Drama-Dokumentation verändert, aber da sich inzwischen Thomas Vater geäußert hat und auch der Name des Pathologen allgemein bekannt ist, habe ich hier im Blog die richtigen Vornamen verwendet.

1 Kommentar:

  1. Mir tun die beiden Ärzte einfach nur leid!
    Und läuft dieser Mörder immer frei herum? das ist ja unheimlich!

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