18.11.09

Die Mutter, die zu sehr liebte - Der Mord von Yngsjö



Es war ein früher, milder Sommermorgen. Am 7. August 1890 wurde eine Minute vor acht Uhr im Gefängnis von Kristianstad in Südschweden eine zierliche Frau zum Schaffot geführt. In ihrer Jugend war sie eine Schönheit gewesen, aber nun, im Alter von 49 Jahren und nach einem entbehrungsreichen Leben und nach langen Monaten in einem Gefängnis wirkte sie müde und verhärmt. Ein Pastor führte sie zum Richtblock, der Henker Dahlman trat hervor und zog ein sichelförmiges Beil. Genau in dem Moment, in dem er zuschlug, bewegte die Frau ihren Kopf. Das Beil traf ihr Unterkiefer und blieb dort hängen. Während die zum Tode Verurteilte vor Schmerzen wimmerte, zog der Henker das Beil aus ihrem Gesicht, ein Mithelfer hielt ihren Kopf, das Beil fiel noch zwei Mal, bis Anna Målsdotter endlich tot war! Ihre Totenmaske, die in aller Brutalität die Verletzungen der Hinrichtung zeigen, ist bis heute ein Mahnmal gegen die Todesstrafe!



Anna war die letzte Frau, die in Schweden hingerichtet worden ist, 1921 wurde sie in Schweden endgültig abgeschafft. Aber Annas Leben und Sterben haben die Schweden bis heute nicht vergessen. 1966 wurde sogar ein Film über den "Mord von Yngsjö" gedreht.

Anna hatte das mühseelige Leben einer armen Bauersfrau geführt. Yngsjö ist ein winziger Ort nahe der schwedischen Südostküste. Knapp 300 Einwohner leben heute dort, genauso wenige wie damals. Anna heiratete den Bauern Nils Nilsson. Doch das Leben war hart, Hunger gehörte zur Tagesordnung. Es war zu jener Zeit, als Tausende von Schweden ihr Hab und Gut packten und nach Amerika auswanderten, weil sie daheim keine Zukunft mehr sahen. Bis heute kann man in Südschweden die Sammelpunkte sehen, an denen sich die armen Auswanderer trafen um dann in einem gemeinsamen langen Marsch zum Hafen zu wandern. Vielleicht hat Anna auch von Amerika geträumt? Denkbar wäre es. Anna bekam drei Kinder, zwei starben - nur der Sohn Per überlebte.
Anna liebte ihren Sohn abgöttisch, sie las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Es war offensichtlich: Das Kind Per war das große Glück ihres Lebens!

Die übersteigerte Mutterliebe kippte jedoch um und wurde krankhaft, als Annas Mann an Tuberkulose erkrankte und sie deshalb aus dem gemeinsamen Schlafzimmer auszog. Per war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Die Mutter schlief, um sich nicht anzustecken, auf einer Bank in der Küche. Eines Nachts kam Per in die Küche, seine Mutter war wach. Was dann passierte, weiß heute niemand genau. Aber seit jener Nacht waren Mutter und Sohn ein Paar.

Als der Vater 1883 starb, lebten Anna und Per einige Jahre wie fast ein normales Ehepaar auf ihrem Bauernhof. Natürlich wurde im Ort getuschelt, und der Klatsch stoppte auch nicht, als Per schließlich heiratete. Die Auserwählte hieß Hanna Olsson, sie war 21 Jahre alt und aus einer wohlhabenden Familie. Anna stimmte der Hochzeit zu, schließlich konnte die Mitgift den Lebensstandard auf dem Hof um einiges verbessern. Aber sie verlangte von Per vor der Hochzeit einen Treueschwur. Niemals, so versprach er, würde er auch nur eine Nacht das Bett mit seiner Frau teilen. Hanna merkte bald nach der Hochzeit, dass etwas nicht stimmte. Sie zog heim zu ihren Eltern, erntete dort aber keinerlei Verständnis. Ihr Vater, ein wichtiger Mann im Ort, zwang sie dazu, zu ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter zurück zu ziehen. Hanna kehrte auf den Hof zurück, beschuldigte aber dort ganz offen Anna und Per des Inzests!

Ob aus Angst vor der Entdeckung oder aus Eifersucht ist unklar. Jedenfalls überredete Anna ihren Sohn dazu, Hanna zu ermorden. Am 27. März 1889 schlug Per seine Frau nieder. Anna erwürgte sie anschließend. Dann warfen beide die Leiche eine Treppe hinab und behaupteten, Hanna sei bei einem Treppensturz gestorben. Ob der Mord wirklich so stattgefunden hat, konnte man schon damals nicht mit Sicherheit sagen. Mutter und Sohn kamen vor Gericht, Mutter und Sohn erzählten die unterschiedlichsten Geschichten, aber am 2. April 1890 gestand Anna die Tat in dieser Form dem Richter. Der Richter war von ihrem Geständnis überzeugt, er glaubte, dass sie es war, die die Schwiegertochter erwürgt hatte. Beide wurden zum Tode verurteilt, aber da Anna alle Schuld auf sich genommen hatte, wurde Pers Urteil in 25 Jahre Zwangsarbeit umgewandelt. Weihnachten 1913 war er wieder ein freier Mann, 1918 starb er - wie einst sein Vater - an Tuberkulose.

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