23.10.09

Crime-Telegramm / Dänemarks legendäre Soko wird abgeschafft

"Rejseholdet" -("Die Reisegruppe") war jahrzehntelang die wichtigste Arbeitsgruppe der dänischen Kriminalpolizei. Da Dänemark so klein ist, gab es nur in der Hauptstadt Kopenhagen ein Expertenteam für schwierige Ermittlungsarbeiten bei komplizierten Mordfällen. Wenn irgendwo im Land was schlimmes passierte, setzten sich die Mitarbeiter von "Rejseholdet" ins Auto und kamen der lokalen Polizei zur Hilfe. Ihre Ankunft war auch immer ein Zeichen dafür, dass es sich um einen wirklich schwierigen und vielleicht sogar Aufsehen erregenden Fall handelt. Die meisten Dänen bekamen immer eine leichte Gänsehaut, wenn es in den Nachrichten hieß: "Rejseholdet ist bereits vor Ort." Oder: "Rejseholdet hat nun die Nachforschungen übernommen."
Nun wurde bekannt, dass diese Epoche der dänischen Polizeigeschichte zu Ende geht. Die Gruppe wird von 40 auf 15 Mitarbeiter verkleinert. Die kleinen Polizeikreise im Land haben heute mehr Spezialisten wie früher, man ist auf die Arbeit der großen Könner in Kopenhagen nicht mehr angewiesen. Die 15 verbleibenden Mitarbeiter werden auch meist in Kopenhagen arbeiten, die meisten von ihnen sind IT-Spezialisten oder andere hoch qualifizierte wissenschaftliche Analytiker.

Übrigens:
Eine der besten Krimiserien des dänischen Fernsehens beschäftigte sich mit der Arbeit dieser Gruppe. Die Serie gewann sogar einen Emmy (als erste und bisher einzige in Dänemark produzierte Serie!). Das besondere an der Serie war, dass wahre dänische Kriminalfälle dramatisiert wurden, allerdings mit leichten Abänderungen (andere Namen, andere Orte) Der leicht schräge Kriminalkommissar Alan Fischer wurde von Mads Mikkelsen gespielt, der später als James-Bond-Schurke in "Casino Royal" weltberühmt wurde. In Deutschland lief die Serie unter dem Titel "Die Spezialisten". Schade, dass sie zu sehr später Uhrzeit ausgestrahlt wurde und kaum Beachtung fand. Einen kleinen Eindruck bekommt man hier

21.10.09

Crime-Telegramm / Todesurteil für zwei Norweger / Fortsetzung

Zwei Norweger wurden vor einigen Wochen im Kongo zum Tode verurteilt. Der Fall ist hier geschildert. Nun sind sie in Berufung gegangen, und dieser zweite Prozess entwickelt sich sehr merkwürdig. Bisher hatten sie immer gesagt, die Schüsse seien aus dem Dschungel gekommen. Es heißt jedoch nun, dass sie in den nächsten Tagen einen der beiden Passagiere im Wagen als Täter identifizieren wollen.
Allerdings scheint es Moland sehr schlecht zu gehen. Er hat Malaria und offenbar auch eine Depression. Es kann sein, dass der Prozess vorläufig eingestellt wird.

Ein norwegischer Journalist ist übrigens den Fluchtweg durch den Dschungel nachgegangen. Ein sehr anstrengender Weg! Die Einheimischen sind sehr erstaunt darüber, dass zwei Norweger in diesem Wald überleben konnten.

Hier der Film des Journalisten: http://www.vgtv.no/?id=26920

19.10.09

Carolin Stenvalls einsamer Tod


Nordschweden - das sind tiefe Wälder, einsame Straßen, Elche und Bären, Flüsse und Bäche, kaum Siedlungen oder gar Städte. Wer nach Kiruna im aller nördlichsten Eck des Landes will, fährt stundenlang auf breiten Straßen und trifft dabei nur selten ein anderes Auto.
Am 12. September 2008 machte sich die hübsche 29-jährige Carolin Stenvall auf dem Weg von der Hafenstadt Piteå nach Kiruna. Die Strecke ist nur etwas mehr als 400 km lang, aber sie gehört mit Sicherheit zu den einsamsten Straßen Europas. Carolin wollte im berühmten Eishotel von Jukkasjärvi bei Kiruna arbeiten und hatte dort ein Vorstellungsgespräch. In der Nacht vorher sollte sie bei Freunden in der Nähe übernachten.
Carolin fuhr los und kam nie in Kiruna an!
Ihr daheim gebliebener Freund versuchte sie über Handy zu erreichen. Das Handy klingelte, aber niemand ging ran. Man alarmierte die Polizei, und mithilfe der Handysignale wurde Carolins Auto gefunden. Es stand auf dem Rastplatz "Stenbron" der Europastraße 10, ca. 10 km außerhalb des kleines Ortes Gällivare. Im Auto lagen ihre Tasche und ihr Handy. Von ihr selbst fehlte jede Spur. Sie schien sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft aufgelöst zu haben.
Die schwedische Zeitung "Aftonbladet" zeigte damals einen Film vom Rastplatz, als man noch suchte und noch Hoffnung hatte. Auch wenn man kein Schwedisch versteht: Die Einsamkeit der Landschaft wird überdeutlich.


Aber auch an dieser Straße am Ende Europas gab es Zeugen. Eine Frau meldete sich, die einen blauen Volvo beobachtet hatte, der sehr schnell davon gefahren war. Kurz darauf fand die Polizei in der Nähe des Rastplatzes eine blutige Automatte. Nun war klar, dass ein Verbrechen passiert sein musste. Caroline hatte keinen Spaziergang gemacht und hatte sich verlaufen, wie man noch gehofft hatte. Sie war auch nicht in den kleinen Fluss gefallen, der am Rastplatz vorbei rauscht. Etwas Schreckliches war hier an der Europastraße 10 geschehen!

Man suchte wochenlang nach Carolin, aber man fand ihre Leiche nicht. Der Einsatz war phänomenal. Man verwendete Wärmekameras, Hubschrauber, Hundesuchmannschaften. Von Carolin keine Spur.
Verwirrung entstand, als man eine blutverschmierte Handtasche an einem Rastplatz fand.
Der Fall entwickelte sich zu einem der größten Medienspektakel in der schwedischen Geschichte. Alle Zeitunge, alle TV-Kanäle, alle Radiosender - jeder beteiligte sich an der Suche nach Carolin.

Am 16. Oktober kam es dann zu einer überraschenden Wende. Die Polizei nahm den dreifachen Vater und Bergbauarbeiter Toni Alldén fest. Er fuhr einen blauen Volvo. Die Matte aus dem Kofferraum fehlte. Es war genau die Matte, die man am Parkplatz gefunden hatte. In der Nähe des Rastplatzes besaß er außerdem eine Jagdhütte. Auch hier fand die Polizei Blutspuren. Außerdem hatten Techniker auf dem Parkplatz eine Kugel aus einem Jagdgewehr gefunden, das Alldén gehörte.

Toni Alldén wies in den ersten Verhören alle Anschuldigungen zurück, dann brach er zusammen und gestand. Allerdings ist seine Geschichte so wirr, und bis heute glaubt niemand, dass er die Wahrheit sagt.
Angeblich hatte er am Rastplatz einen Halt eingelegt, als Carolin aus der Toilette kam und wegen seiner Art, Auto zu fahren, schimpfte. (Warum sie das auf einem Rastplatz hätte tun sollen, ist eines der vielen Rätsel dieses Falles) Alldén sah jedenfalls in diesem Moment Rot. Er schubste sie, Caroline fiel und blutete aus dem Mund. Sie war tot! Voller Panik legte er sie in den Kofferraum seines Autos und fuhr weg.

Endlich erfuhr die Polizei auch, wo sie Carolins Leiche suchen konnte. Sie lag ca. 30 km entfernt in der Nähe der Ortschaft Lansjärv im Wald. Alldén weigerte sich, mit in den Wald zu gehen. Angeblich wolle er mit dieser "schrecklichen Sache" nicht mehr konfrontiert werden.

Trotzdem fand die Polizei Carolins Leiche.
Und erst jetzt ging wirklich ein Schock durch die ganze Bevölkerung. Carolin war keinesfalls unglücklich gefallen und dabei quasi aus Versehen gestorben. Der Mörder hatte sie gewürgt, er hatte mit einem Hammer oder einem anderen schweren Gegenstand auf sie eingeschlagen und dann auch noch mit einem Jagdgewehr auf sie geschossen. Eine Kugel traf sie in den Rücken. Hatte Carolin noch verzweifelt vorsucht, vor ihrem Peiniger zu fliehen?

Allerdings: Eine ganz genaue Obduktion war nicht mehr möglich. Toni Alldén, der angeblich psychisch nicht in der Lage war, der Polizei die Leiche zu zeigen, war mehrere Male nach der Tat zu seinem Opfer zurück gekehrt.
Er hatte versucht, Caroline zu verbrennen. Außerdem fehlen einige Körperteile. So konnte z.B. kein DNA-Test durchgeführt werden, der zeigen würde, ob Carolin auch vergewaltigt wurde. Nur eines steht definitiv fest: Sie wurde erst schwer misshandelt, dann erschossen. Wahrscheinlich kniete sie, als Alldén von hinten auf sie schoss.

Alldén hält bis heute an seiner Version fest. Es sei ein Unfall gewesen. Erst nachdem man ihm die Obduktionergebnisse vorgelegt hatte, gab er zu, auch auf Carolin geschossen zu haben. Allerdings sei sie - so Alldén - bereits tot gewesen. Er hätte "nur" noch auf sie geschossen, um ganz sicher zu gehen. Sein Verteidiger versuchte sogar mit Gegenanalysen zu beweisen, dass Carolin schon tot, war, als auf sie geschossen wurde. Aber alle Gerichtsmediziner hielten daran fest, dass Carolin zu diesem Zeitpunkt noch gelebt hat.

Toni Alldén wurde am 19. März 2009 zu lebenslanger Haft verurteilt. Er legte Berufung ein, aber das Urteil wurde am 18. Juni bestätigt.

Trotzdem bleiben viele Fragen offen. So lange Alldén sich weigert, die Wahrheit zu erzählen, wird man nicht wissen, was damals eigentlich passiert ist. Denn es gibt jede Menge Ungereimtheiten.
Toni Alldén war an diesem Wochenende auf Elchjagd. Er verließ seine Jagdfreunde um heimzufahren, blieb aber in seiner Jagdhütte, offenbar um ungestört zu trinken. Hat er Carolin am Parkplatz niedergeschlagen, entführt und bei seiner Hütte dann als lebendes Jagdziel benutzt? Hat er sie auch sexuell missbraucht? Hat er bereits auf dem Rastplatz auf sie geschossen oder war es wo anders? Wie kam die Kugel auf den Rastplatz, und warum hat niemand einen Schuss gehört, falls er wirklich dort geschossen hatte, um sicher zu sein, dass sie wirklich tot ist?

Die Polizei hatte während der Suche nach Carolin ja auch eine blutverschmierte Handtasche gefunden. Nach Alldéns Festnahme stellte sich heraus, dass Alldén die Tasche einer Kollegin geklaut hatte, sie mit Blut verschmiert und als Ablenkungsmanöver auf einem Parkplatz gestellt hatte. Warum hat er das getan? Jedenfalls ist es denkbar, dass Jemand, der eine Tasche als falsche Spur platziert, auch eine Kugel an einem Ort als falsche Spur legen kann.

Und überhaupt: Wo war er das ganze Wochenende, als seine Frau glaubte, er sei bei der Jagd und seine Freunde glaubten, er sei zu hause.
Warum hält er so eisern daran fest, dass es ein Unfall war, obwohl sich kein Mensch auf der Welt vorstellen kann, dass Jemand zwei Mal auf eine bereits tote Frau schießt?
Vielleicht wird er ja einmal die Wahrheit berichten. Vielleicht ist es aber auch besser für ihre Familie und Freunde, wenn sie weiterhin daran wenigstens ein bisschen daran glauben können, dass Carolin schnell und ohne Grauen gestorben ist, weil sie auf einem Rastplatz zufällig den Verkehrten angemeckert hatte.




Caroline Stenvall / Aftonbladet