12.01.10

Mörderischer Sommer - Die lange Suche nach dem Zweifach-Mörder Ulf Olsson


"Ulf Olsson hat sich erhängt" - Das war gestern in Schweden DIE Nachricht des Tages. Bizarr waren die Umstände seines Todes, denn kurz zuvor hatte er den Freitod in seinem Blog angekündigt. Denn obwohl er verurteilt war und in der geschlossenen Psychiatrie saß, hatte er Internetzugang. "Lieber tot, als hier lebendig begraben zu sein", schrieb er. Dann nahm er ein Bettlaken und erhängte sich.

Ulf Olsson hat 1989 zwei grausame Morde begangen, aber erst 2004 konnte er festgenommen werden. Obwohl DNA-Spuren keine Zweifel daran ließen, hielt er bis zum Ende an seiner Unschuld fest. Warum? Hatte er alles völlig verdrängt? Und hatte er eventuell sogar noch andere Morde auf dem Gewissen? Mit Sicherheit wird man es nun nach seinem Tod nicht mehr sagen können. Auch andere Fragen bleiben unbeantwortet. Vor allem die Wahl seiner Opfer könnte diametraler nicht sein. Ein unschuldiges Kind und eine Prostituierte. Warum hat er sie ausgewählt? Fest steht, dass der Mann, der im idyllischen Astrid-Lindgren-Städtchen Vimmerby lebte, im Sommer 1989 in Mittelschweden Angst und Schrecken verbreitete.

Die beiden Opfer, Aftonbladet

Sein erstes Opfer war die 10-jährige Helén Nilsson. Helén wollte sich am 20. März 1989 mit einigen Freundinnen in der kleinen Ortschaft Hörby treffen und kam dort niemals an. Sechs Tage lang wurde sie überall gesucht, riesige Truppen von Polizisten und freiwilligen Helfen waren unterwegs. Vergeblich. Am 26. März - es war Ostersonntag - fand man schließlich ihre misshandelte Leiche in einem schwarzen Plastiksack im Wald. Die Obduktion zeigte, dass das Mädchen fürchterlich gelitten haben muss. Ihr Mörder hatte sie offensichtlich mindestens fünf Tage bei sich gehabt, bevor er sie am Ende tötete. In all dieser Zeit hatte das Mädchen nichts zum Essen und nichts zum Trinken bekommen. Helén war sexuell missbraucht, geschlagen, gefoltert und gewürgt worden. An ihrem Körper fand man zahlreiche Hunde- und Katzenhaare - und Spuren von Sperma!
Sein zweites Opfer war die 26-jährige Prostituierte Jannica Ekblad. Am 2. August 1989 stieg sie in einen schwarzen Volvo zu einem Freier und fuhr mit ihm weg. Am nächsten Tag fand man ihre schwer misshandelte Leiche mitten auf der Fahrbahn eines Auto-Rastplatzes. Auch an Jannicas Leiche fand die Polizei jede Menge Hundehaare. Die Art, wie Jessica erwürgt worden war und die Hundehaare, führten zu der Vermutung, dass es der gleiche Mörder war.
Nach diesem mörderischen Sommer passierte nichts mehr. Zum Glück gab es keine weiteren Morde, die in dieses Schema passten. Aber es gab auch keine wirklichen Fortschritte in der Ermittlungsarbeit. Es dauerte Monate, bis Eltern wieder ihre Kinder draußen spielen ließen. Die Angst, dass der Täter noch einmal zuschlagen könnte, war einfach zu groß.
Und ob Helén und Jessica wirklich die einzigen Opfer dieses Täters waren, kann durchaus bezweifelt werden. Barbro Roslund ist Psychologin, sie erarbeitete 1989 ein Täterprofil und sprach 15 Jahre später mit Ulf Olsson nach dessen Verhaftung. Sie sagte in einem Interview mit Dagens Nyheter 2004: "Ich glaube, dass es noch mehr Opfer gibt. Sie wurden nur noch nicht gefunden oder nicht in Zusammenhang mit diesem Täter gebracht."
Für die Polizei war es jedenfalls ein weiter Weg, bis sie Ulf Olsson endlich verhaften konnte.
1990 war u.a. ein Norweger unter Verdacht, 1993 wurde vorrübergehend ein junger Vater festgenommen. Dann "gestand" auch noch Thomas Quick die Morde, der ja jede Menge Morde gestanden hat und wahrscheinlich keinen einzigen begangen hat (siehe Posting zu Quick). Ein Pädophiler wurde festgenommen, und sogar ein alter Herr, der gegenüber einer Freundin mit den Taten angab, aber nur total betrunken war.
2002 wurden zwei Männer festgenommen, sie waren die letzten in einer langen Reihe von mutmaßlichen Verdächtigen. Denn in der Zwischenzeit hatte die Polizei DNA-Spuren an Heléns Leiche analysieren lassen können, und diese DNA stimmte nicht mit der DNA dieser beiden Männer überein. Die Polizei bat deshalb alle Männer, die sie auf einer Liste mit Verdächtigen hatte, freiwillig DNA-Proben abzuliefern. Einer nach dem anderen konnte so abgehakt werden. Bis man zum letzten Mann auf der Liste kam, zum Namen Nr. 28: Zu Ulf Olsson. Seine DNA passte mit den Spermaspuren überein. Kurz darauf fand die Polizei dann auch noch im Boden seines Sommerhauses Blutspuren, die eindeutig von Jessica stammten. Ulf Olsson konnte verhaftet, angeklagt und schließlich verurteilt werden.
Ulf Olsson war ein schmächtiger, unscheinbarer Mann. Als als 18-Jähriger gemustert wurde, wog er nur 42 Kilo! Später kamen ein paar Kilo mehr dazu, aber dünn blieb er sein ganzes Leben. Ein Gerichtsmediziner beschreibt ihn später sogar als transexuell. Ulf sei ein kleines Mädchen in einem Männerkörper.  Ulf hatte eine extrem harte Kindheit hinter sich. Seine Eltern lebten nach außen hin ein brav-bürgerliches Leben, aber hinter den sauber gewaschenen Gardinen wurden die drei Kinder regelmäßig verprügelt. Ulf hat nach seiner Festnahme nur ungern über seine Kindheit gesprochen, aber seine Geschwister sprachen darüber offen. Die Kinder "durften" immer wählen, ob sie acht oder zehn Schläge haben wollen. Wenn sei während der Schläge schrieen, gab es mehr. Wenn die Kinder zu spät kamen, wurden sie ausgesperrt. Eine Tante fand einen der Brüder einmal im Schrank eingesperrt. Ulf hatte meist riesige Angst davor, nach Hause zu gehen. Nach der Schule ging er in die Wälder, oft schlief er dort auch.
Eine Ausbildung machte Ulf Olsson nie, aber er jobbte, heiratete sogar mehrere Male und bekam auch einen Sohn. Nach außen war Ulf Olsson der große Tierfreund. Immer umgab er sich mit Hunden, am "Tag des Hundes" machte er in der Hunde-Herrchen-Parade mit. Aber er war grausam zu allen, die er irgendwie in seiner verkümmerten und verletzten Seele liebte. Eine Katze schlachtete er im Badezimmer, einen Hund erschoss er ohne Grund. Immer wieder quälte und tötete er seine Tiere. Auch seine verschiedenen Ehefrauen bekamen Prügel und verließen ihn angesichts dieser massiven Lust am Quälen. 1991 verließ ihn seine letzte Frau mit dem gemeinsamen Sohn. Sie erreichte, dass Ulf sein Kind nicht mehr sehen durfte und aus Ulf wurde ab diesem Jahr ein Einzelgänger, der ständig auf den Staat und die Gesellschaft schimpfte. Jobs hatte er nach diesem Zeitpunkt nur noch selten. Zwei Jahre lang reiste er durch Europa, dann kehrte er nach Vimmerby zurück. Häuser brennen in Vimmerby ab, 200 Reifen werden zerstört. Die Polizei ist bis heute davon überzeugt, dass er der Brandstifter war, aber nur die Zerstörung der Reifen hat er als einzige Tat jemals gestanden. Nachbarn gegenüber ist er so aggressiv, dass jeder Angst vor ihm hat. Er spuckt in einen Kinderwagen, schreit kleine Mädchen an und schlägt immer wieder laut seinen Hund. Eine Nachbarsfamilie zieht schließlich wegen ihm um.
Eine Arbeitskollegin von Ulf empfindet ihn schon Mitte der 80er Jahre als furchterregend. Er ist launisch, und er macht so viele perverse Anspielungen, dass die Kollegen ihn "Uffe Pervers" nennen. Als Helén ermordet wird, bekommt die Kollegin einen Verdacht. Einiges deutet auf Ulf hin. In der Woche nach Helénes Verschwinden ist Uffe krank gemeldet, und der Sack, in dem man schließlich die Leiche des Kindes findet, sieht aus wie einer der Säcke am Arbeitsplatz. Aber sie traut sich nicht, zur Polizei zu gehen. Erst vier Jahre später berichtet sie einen Kommissar von ihren Gedanken, aber nichts passiert. 10 Jahre später macht sie die Polizei erneut auf den merkwürdigen Ex-Kollegen aufmerksam. Auf diese Art endet Ulf Olsson schließlich als Nr. 28 auf der Liste der Verdächtigen.
Nach seiner Festnahme fallen alle Puzzle-Teile endlich auf ihren Platz. Im Sommerhaus findet man Blutspuren, hier muss Jessica misshandelt worden sein. Andere Spuren findet man im Geräteschuppen, hier muss er Helén gefangen gehalten haben. Seine DNA wurde an Helén und an dem Klebeband am Plastiksack gefunden. Während die Polizei noch im Dunklen tappte, hatte ein Mann anonym per Telefon und Brief die Taten gestanden. Nun zeigt sich, dass einer der Anrufe von Uffe Olssons Handy kam, auch am Bekennerbrief findet man seine DNA.
Im Herbst 2004 und im April 2005 wurde er schließlich in zwei getrennten Prozessen zu lebenslanger Haft verurteilt. Da er als psychisch krank eingestuft wurde, sollte er den Rest seines Lebens in einer psychiatrischen Anstalt verbringen. Von hier aus kämpfte er wie verbissen, um seine Unschuld zu beweisen. Als er am Ende die Aussichtslosigkeit erkannte, schrieb er ein letztes Mal an seinem Blog. Dann erhängte er sich. Er wurde 58 Jahre alt.

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